Macht unser System krank?

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  • #341401

    In einem anderen Thread gab es eine kleine Nebendiskussion mit einer Frage, die ich immer schon extrem wichtig für mich fand, seit mir die Auswirkungen der Regeln des Zusammenlebens im Teenageralter langsam bewusst wurden.

    Die Frage ist, was ist unser “System”, also unsere Kultur, Deutschlands oder global, unsere Gesellschaft und ihre Regeln, die Gesetze und unausgesprochenen Mechanismen – was ist das, ist das gut für uns? Oder sind da vielleicht Webfehler drin, die schlecht für manche sind sind? Macht unser System vielleicht sogar viele – oder uns alle – krank dadurch?

    Die Beiträge dazu spiegeln glaube ich bereits die zwei krass entgegengesetzten Denkweisen auf, die viele Menschen dazu haben.

    Die einen sagen, man sollte das System nicht kritisieren, denn man ist schliesslich Nutzniesser, und im Übrigen als Deutscher sowieso im Vergleich zu anderen priviligiert und darf sich nicht beschweren.

    Das sehe ich selbst zwiespältig, und finde solche Aussagen sehr ungerecht bis unlauter verletzend gegenüber Menschen, die problematische Dinge im System kritisieren. Ich glaube, es ist wichtig, sich der Verantwortung bewusst zu sein, auch des Respekts den ein Leben in einer Gesellschaft erfordert – aber das bedeutet am Ende doch auch, dass die Gesellschaft jeden einzelnen umgekehrt genauso respektieren muss. Und ich finde die Argumentation ungerecht bis übergriffig, dass man Leid und Ungerechtigkeit ertragen sollen muss, weil man einen Vorteil hat, von dem man so abhängig ist, dass man ihn nicht mehr wirklich ablehnen kann. Das macht die Mafia genauso.

    Die andere Position liegt mir übrigends näher, denn ich denke Kritik an unserer Gesellschaft ist berechtig. Nämlich dass die Regeln unserer Gesellschaft die Menschen krank machen können. Ich sehe es genau so – die Menschen haben leider durch ihre Regeln gelernt, nur noch an sich und ihren eigenen Gewinn zu denken, und zerstören damit sich selbst, die Zwischenmenschlichkeit und die Umwelt massivst – während jene, die nicht an der zerstörerischen Aggressivität des Systems teilnehmen können und wollen, keine Chance haben und auch keine gerechten Möglichkeiten haben, andere Lebensmodelle in Freiheit und Würde leben zu dürfen. Stattdessen hat man als Bürger kaum eine Wahl – die Regeln werden einem aufgezwungen, verpasst man den Abzweig richtig mitzuspielen, passiert einem Schnell, dass man (jawohl staatliche legale, und unausgeprochene zivile…) Gewalt zu spüren bekommt die einen isoliert und an den Rand der Gesellschaft zwingt, eventuell sogar ganz ins Abseits.

    Ich sehe es aber so, dass ich das “System” an sich nicht ablehne – das System sind ja Menschen, die bestimmten definierten und unausgesprochenen Regeln folgen. Die Menschen sind meiner Meinung nach nicht das Problem, sondern was die Regeln, denen sie unterworfen sind, aus ihnen macht.

    Meine Kritik definiere ich hauptsächlich in der (leider sehr menschlichen) Vorstellung von Erfolgswillen in Konkurrenz und Wettbewerb, und der Eigenart der Menschen, einander dazu zwingen zu wollen und Druck auszuüben, um stärkere Individuen auf Kosten schwächerer durch aggressives Handeln noch mehr Erfolg aufbauen zu wollen. Ich sehe das Problem grundsätzlich systematisch – es fängt mit dem Leistungsdruck und der Bewertung, und dem Zwang in starre Systeme in der Schule an. Schon hier lernen Kinder, unnatürliche Anstrengungen vorzunehmen und einander im Wettbewerb zu bewerten und schwächere unter sich nach ihrer Leistung und dem sozialen Status einzuordnen. Die ersten Opfer, auch Todesopfer, fordert dieser Druck oft schon früh – schwache werden aussortiert und von der Gemeinschaft, oft sogar von Lehrern gedeckt, massiv psychologisch unter Druck gesetzt und klein gemacht, das nennt sich Mobbing und passiert und unserem System in allen Ebenen massiv systematisch und ermordet so oft gemeinschaftlich Menschen durch Selbstmord oder durch vernichtung ihrer Psyche mit Hoffnungslosigkeit. Das klingt wie regeln aus grauer Vorzeit, aber ist immer noch realität – in heutiger Zeit orientiert sich das Ganze eben am gesetzlich akzeptierten Rahmen, und darin, wie man das ganze mit dem Leid der Opfer am besten verstecken kann, ohne dafür direkt belangt werden zu können. Offensichtlich wird es oft erst, wenn solche Situationen mal richtig eskalieren, und dann ist es meist schon auf allertragischste Weise zu spät, und das vieltausendmal überall in der Gesellschaft in unzähligen Einzelschicksalen von Menschen, die durch solche Höllen gehen mussten und müssen.

    Später greift dann die ganze Gesellschaft – das Grundprinzip ist das Geld, das die einen kleinen Teil vom Kuchen der Gesellschaft verspricht. Aber wie dieses Geld zustande kommt, und was die Menschen dafür tun müssen, macht sie eben kaputt. Das Geld verspricht Freiheit, aber schnell kommt man in eine Situation, wo man statt darüber zu verfügen, in endlosen qualvollen Zyklen aus verzweifelten Versuchen gefangen zu sein, Schulden abzuarbeiten und Anstrengung um Anstrengung unternehmen zu müssen um mit den Folgen klarzukommen und nicht das wenige verlieren zu müssen, was einem noch bleibt. Ausserdem kennen die Menschen dadurch keine Mässigung mehr, keinen Ausgleich, keine Gemeinschaftlichkeit oder Fairness mehr. Je erflogreicher das Ding ist um die sich Meschen scharen, je mehr Geld im Spiel ist, umso härter und kälter werden meist die Regeln für die, die daran teilhaben wollen. Statt der Gesellschaft, fühlt sich jeder nur sich selbst verpflichtet, seiner eigenen Leistung.

    Die Erziehung macht das restliche, statt auf Gemeinschaftlichkeit, werden die Kinder auf Erfolg und Rücksichtslosigkeit gedrillt und setzen diesen Weg oft bis zum Lebenende fort. Wer etwas erreichen will, sucht nicht mehr die Ehre vor den Menschen etwas gutes geschaffen zu haben mit seinem Leben, sondern oft einfach nur andere im Erfolg blind zu überbieten. Wer nicht mithalten kann, fällt durch und bekommt die volle Härte zu spüren, und wird durch Schikane um Schikane getrieben, kann seine Träume nicht verwirklichen sondern wird in Tretmühlen gefangen gehalten. Die Chancen, die so jemand hat, sind dann auch eher gering – die Gesellschaft fordert dann einiges an Einsatz und auch Ressourcen dafür, sich eine bessere Chance erarbeiten zu können. Etwa bei Menschen auf Sozialleistungen heisst das oft, sie haben gar nicht das nötige Geld, um damit zu beschaffen womit sie wieder Leistung bringen könnten, und es hilft ihnen auch niemand und zeigt ihnen, wie sie das überhaupt machen können. Wer es versuchen will, bekommt meist nackte Bürakratie und Leistungsdruck zu spüren, bei dem nur wenige mithalten können. Und nicht nur Lehrmaterialien und Chancen sind aller frustrierendst gemacht, sondern auch Unterhaltungen und andere Dinge der Gesellschaft sind durch den Wettbewerbs- und Leistungsgedanken massiv kaputt gegangen – die Unterhaltungsmedien etwa verderben die Menschen meiner Ansicht nach, anstatt sie zu erbauen und zu stärken, das Essen, was die meisten essen, ist massiv ungesund, extrem viele Meschen greifen zu Alkohol und Drogen, weil das Leben ihnen nüchtern zu hart und freudlos geworden ist.

    Wo führt das hin? Also ich glaube, diese Regeln machen die Gesellschaft und auch die ganze Welt kaputt, und auch jeden einzelnen von uns durch psychischen Druck und vergiftet uns alle durch die vielen lieblosen Dinge und Verhaltensweisen, die aus Gewinnstreben gemacht werden, und eben nicht aus dem Wunsch, anderen Menschen damit etwas gutes zu tun. Diese Gesellschaft, wo jeder für sich rechnet und wirtschaftet, vereinzelt die Mehschen, von früheren intakten Gemeinschaften hin zur Isolation von einzelnen Kernfamilien, einzelpersonen, und die Spaltung der Jugend in voneinander teils in der Lebensphilosophie krass inkompatiblen Subkulturen, die meist jede für sich abseits der öffentlichen Mainstremkultur in isolierten Blasen lebt. Die aggression des Systems zerstört dann auch nicht nur Menschen, sondern auch die Umwelt, und das sage ich mal so ganz offen, ich bin auch einer der so denkt, dass unsere Welt vermutlich bald untergehen oder ein sehr sehr schlimmer Ort werden wird, wenn sich nicht bald was ändert. Das liegt dann an den Menschen, ob sie bereit sind, ihr Gewinnstreben und ihre Konkurrenz endlich aufzugeben, oder weiter alles an sich reissen zu wollen und damit die Welt und die Herzen der Menschen in Stücke zu brechen.

    Mich hat schon immer eine Art besondere Vision, eine Art besonderer Tagtraum begeistert, und teils in allerschwersten Zeiten am Leben gehalten, indem ich mich aus dem Horrorkino in meinem Kopf ausgeklinkt habe und mir stattdessen eine faire Gesellschaft vorgestellt habe. Als erstes fing bei mir die Prämisse immer damit an, das Hauptübel unserer Gesellschaft auszuklammern. Ich wollte eine Gesellschaft ohne – Geld. Ich träume davon, in einer Welt zu leben, wo es so etwas nicht gibt, bzw. hart geächtet wird. Stattdessen stelle ich mir das so vor, dass jeder, der etwas braucht, das mit den anderen bespricht und das dann auch bekommt, wenn es sinn macht. Statt dass sich die Menschen ihren Platz leidvoll “verdienen” müssen, soll jeder willkommen sein so wie er ist, und einfach so alles bekommen was er zum Leben braucht. Wer dann durch seine Anstrengung gutes für alle bewirkt, der sollte dann dafür belohnt werden und sich mit den anderen Wünsche erfüllen lassen dürfen, oder sie anderen schenken, die es nötiger haben, wenn er bereits zufrieden genug mit seinem Leben ist.

    Wer genug gutes geleistet hat oder wegen seiner Vision von solchen Menschen die Stimme erhält, soll zudem, wenn er es für seine Ehre wünscht, materiellen Vorteilen entsagen dürfen um grössere Verantwortung für die ganze Gemeinschaft übernehmen zu dürfen. Entsagen deswegen, weil dies nur machen sollen darf, wer ernsthaft gutes für alle bewirken will, und sich nicht nur darin sonnen will. Ich hoffe, dass Handel, auch Tauschhandel, extrem verpöhnt sein würden, und sich stattdessen freiwilliges Teilen und Bescheidenheit in der Annahme von Dingen durchsetzen können. Als Lehr- und Arbeitssystem hoffe ich auch auf ein im Grossen ganzen auf Freiwilligkeit und der Förderung individueller Fähigkeiten ausgelegten System. Ich glaube, dass die Meschen freiwillig und in genau dem Tempo lernen sollten, das sie wünschen und das am besten für sie ist, ohne dafür bewertet oder miteinander verglichen zu werden. Statt die Meschen in gemeinsame Raster zu zwingen und für ihre Kompatiblität mit diesem zu beurteilen, sollte jeder individuell lernen was er braucht. Ich stelle mir da vor, das einzelne dann bestimmte Lektionen abarbeiten, und die Lehrer entweder sie aufsuchen, oder sie zu bestimmten Terminen zu Gruppentreffen gehen, um gezielt einzelne Themen anzulernen.

    Mit Kindern kann man es ähnlich machen, aber vielleicht in grösseren Gruppen, wo dann einzelne individuell mit grundlegenden Fähigkeiten wie Allgemeinwissen, Kultur/Geschichte/Politik, lesen schreiben rechnen Medien, Natur gefördert werden je nach begabung oder Mängeln in den eigenen Fähigkeiten. Wenn ein Schüler bereit ist, soll er sich dann mit seinem Wissen von Sachverständigen prüfen lassen, und dadurch Qualifikationen erlangen, die spätere Qualifikationen ermöglichen um sicherzustellen, dass diejenigen, die Verantwortungen übernehmen wollen auch wissen, was sie tun.

    Das Arbeitsleben stelle ich mir so vor, dass jemand mit dem entsprechenden Vorwissen zunächst von bereits erfahrenen Menschen und Lehrern genau wie im Schulsystem nach und nach die Tätigkeit von anderen lernen kann, eventuell nach einer theoretischen Vorbereitung bereits gleich in der Praxis, einfach indem er dazu geht, jemanden zugewiesen bekommt, der alles zeigt und erklärt und Aufgaben zuweist, und aufpasst, dass alles gut läuft. Einfache Berufe/Tätigkeiten werden so idealerweise direkt am Arbeitsplatz “gelehrt”, geistig intenstivere Berufe oder Computerarbeit evtl. direkt zu Hause. Ein beispiel, ein Mensch beschliesst eine Arbeit als Graphiker am Computer zu machen. Also geht er zu einem Obmann in seiner Nähe und schildert sein Anliegen und zeigt seine Qualifikationen. Dann bekommt er einen angemessenen Computer von der Gemeinschaft gestellt, der dann ihm gehört, wenn er noch keinen hat – entweder er wird jetzt an einen Arbeitsplatz damit gehen, oder zu Hause von einem bereits fähigen Grafiker mit Lehrqualifikation besucht, oder er besucht ihn. Der Meister arbeitet dann mit und neben ihm, und zeigt alles nötige. Daneben sollte es auch theoretische Lektionen (und später evtl. Fortbildungen) geben, die dann abgehandelt und abgeprüft werden wie in der Schuleinbildung.

    Die Kultur lasse ich bewusst offen, ich denke, die Menschen werden sie sich schon finden, und so sich, ihre Geschichte, ihre Erlebnisse, und die denkwürdigeren Individuen unter ihnen feiern. Ich würde mir eine Kultur wünschen, in der niemand ausgeklammert oder zurückgelassen wird, wo keiner wegen mangel an Status, Fähigkeiten oder Wohlstand ausgeschlossen sein darf. Ich hoffe darauf, dass die anderen Regeln der Gesellschaft und des Arbeitslebens auch eine harmonischere Kultur begünstigen könnten.

    Die politische Kultur lasse ich auch offen – ich bin sprich ratlos, wie man solche ein System richtig regieren sollte. Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen für ihre Rechten einstehen können und so Ungerechtigkeiten zusammen mit allen anderen abschaffen können wenn es nötig ist. Aber mir ist auch bewusst, dass solche Macht auch eine Gefahr für solch ein System sein kann – es baut darauf, dass alle fair und gerecht sein wollen, aber jemand aggressives kann das missachten und evtl. wenn er zuviel Macht über die Entscheidungen anderer bekommen kann, das ganze System gefährden. Vielleicht liegt die Lösung darin, die letzendliche Macht nur Menschen zu übertragen, die sich durch äusserste Selbstlosigkeit und Hingabe zum Dienst an die Menscheheit und grössten Verdienst als würdig genug erwiesen haben, ernsthaft uneingennützig über eine ganze Zivilisation entscheiden und richten zu können ohne Schaden dabei anzurichten.

    Auch die Justiz würde ich mir massiv gerechter wünschen. Ich würde den Gedanken von Strafe und Vergeltung aus der kompletten Justiz ausklammern wollen. Sattdessen sollte die Sicherheit, das Wiedergutmachen der Schäden, der Frieden in der Gesellschaft, das Verhindern von erneuten Problemen im Mittelpunkt stehen. Ich glaube zwar, dass man jemandem, der auf Kosten des Leides anderer einen Reichtum erlangen konnte, diesen nicht mehr zugestehen darf. Genauso muss aber der Geschädigte aus seiner Notlage geholfen werden, und möglichst ersetzt werden, was er verlieren musste, wenn sein Herz noch daran hängt. Aber mehr als das, was jemand ohne Schaden wieder verlieren kann, sollte man auch dem allerschlimmsten Straftäter nicht nehmen dürfen, um das Gesetz nicht ihm in der Grausamkeit gleichzutun. Man sollte natürlich auch niemals unschuldige Menschen straftätern ungeschützt aussetzen, von denen noch eine reale Gefahr besteht, muss so die Straftäter von potentiellen Opfern isolieren. Ich bin aber gegen alle Arten von Bestrafung, die Leid erzeugen. Stattdessen sollten Gerichte dafür arbeiten, wieder Frieden zu erzeugen und die Straftäter von ihrer Übergriffigkeit zu kursieren. Geht das nicht, würde ich mir wünschen, dass die Isolation von der Gesellschaft in die sie gehen müssen nicht leidvoll für sie ist – und dass sie so im Besten Falle aus dem Exil immer noch gute Werke tun können, um so an ihrer Rehabilitation oder sogar ihrem Unschuldsbeweis arbeiten können, falls da sinnvoll ist. In der Isolation, sollte jemand unbedingt das Recht darauf haben, persönliche Unterstützung von Meschen haben, die mit ihnen an der Verarbeitung und Widergutmachung der Schuld arbeiten, und sie möglichst psychologisch festigen, damit sie hoffentlich irgendwann wieder in das Vertrauen der Gesellschaft genommen werden können.

    Aber wie soll so etwas gehen, denken jetzt viele, das machen die Menschen ja gar nicht freiwillig mit. Da nimmt sich jeder einfach alles, wie es bei uns schon der Fall ist, aber keiner passt auf und am Ende geht alles kaputt. So ala man muss die Menschen ja mit der Peitsche dazu zwingen, auch gutes zu tun und sich nicht gegenseitig das wieder wegzunehmen. Ja, also. Ich denke, diese Vision einer gerechten Gesellschaft ist eben eine, die erst Wirklichkeit werden kann, wenn es die Menschen von sich aus wollen, wenn sie den Frieden und die Gerechtigkeit wirklich von selbst aus bereit sind zu tragen. Ich glaube, extrem viele Menschen wären, wenn sie das nötigste wüssten, jetzt schon sofort bereit zu so etwas. Andere wären schwieriger… Also meine Vision basierte auf dem Grundgedanken, was passiert, wenn man keine Menschen mehr über oder unter andere stellt, sondern alle auf dieselbe Stufe, untereinander in der Verantwortung durch Respekt und gegenseitiges Wohlwollen. Das muss ein Mensch dann auch von Herzen aus wollen, auf niemanden mehr herabzuschauen, und sich niemandem mehr unterzuordnen, der auf sie herabschaut. Aufschauen würden die Menschen freiwillig immer noch, aber nicht mehr zu solchen, die sich über sie stellen, sondern zu solchen, die sich unter sie und andere gestellt und ihnen allen mit ihrer Kraft bereitwillig geholfen haben. Das können nur Menschen machen und wollen, die das Problem in der Hierarchie, in der Machtpyramide sehen und aus ihr ganz ausbrechen wollen. Ich selbst wünsche mir das, ich will niemanden “unter” mir haben, und niemanden über mir, der mich nicht genauso respektiert wie ich ihn, und das bitte zwischen allen ohne andere zu verurteilen oder auszugrenzen, nur das bedeutet für mich Freiheit und Glück.

    Mir ist glaube ich klar, und das macht mich am allertraurigsten, dass viele Menschen diesen Zustand nicht halten können, und aus so einer Gemeinschaft wieder ausgeschlossen werden müssten. Sie könnten einfach nicht aufhören, auf ander neidisch zu sein, zu gierig nach Dingen, die sie fair teilen müssten, zu stolz um ihren Hass und ihre ungerechtfertigte Verachtung auf andere überwinden zu können. Das alles müssten die Menschen zurücklassen, um frei leben zu können – für Menschen, die das nicht aufgeben können um wieder ihre Mitmenschen lieben zu können, wäre solch eine Gesellschaft wahrscheinlich wie ein schlimmer Knast. Andersrum ist es aber genauso – für mich ist unsere Gesellschaft bereits dieses Gefängnis, in dem ich mich nicht glücklich und frei fühlen kann. Vielleicht würde es Zeit, zwei Gesellschaften aufzumachen, wo keiner gezwungen würde und die sich respektieren müssen, so dass jeder dort den Frieden (oder den Erfolg) suchen kann, für den er geboren wurde, und sich nicht mehr wie ein Fremdling in einem schlimmen Land fühlen muss.

    Last but not least, warum ich nicht auf Konkurrenz und Wettbewerb und Leistungsdruck stehe? Weil sie die Menschen kaputt machen, blindwütig, zerstörungswütig. Die finale Konsequenz ist ja nicht nur der kaputte Mehsch und die kaputte Welt, sondern auch der sich in Hass und Wahn gegenseitig kaputt machende Mensch. Der Wettbewerb, die Konkurrenz, der Handel um Geld und Reichtum – hat nicht nur die Menschen untereinander zu Feinden gemacht, sondern auch ganze Nationen. Ihre Konkurrenz ist der Krieg, ihr Gericht sind die Raketen die sie aufeinander schiessen, bezahlen tun sie mit dem Leid und den Leichen der durch die Kriege geschändeten Menschen. Nach meinem Glauben, ist es genau dies, was immer wieder zurückkommen muss, und die Lage immer schlimmer machen wird, so lange die Menschen nicht damit aufhören können, einander zu missachten, zu benutzen und zu missbrauchen. Frieden gibt’s erst, wenn die Menschen nichts mehr voneinander, sondern nur noch füreinander wollen.

    Merva Grey – Stop the Wars

    #341411

    Aufschauen würden die Menschen freiwillig immer noch, aber nicht mehr zu solchen, die sich über sie stellen, sondern zu solchen, die sich unter sie und andere gestellt und ihnen allen mit ihrer Kraft bereitwillig geholfen haben.

    Das finde ich sehr schön. Wie auch den gesamten Text.

    Vielleicht würde es Zeit, zwei Gesellschaften aufzumachen, wo keiner gezwungen würde und die sich respektieren müssen, so dass jeder dort den Frieden (oder den Erfolg) suchen kann, für den er geboren wurde, und sich nicht mehr wie ein Fremdling in einem schlimmen Land fühlen muss.

    Gute Idee, die ich noch nicht hatte! Aber vielleicht realistisch? Wie könnte mensch den Weg dafür ebnen?

    Danke für Deinen schönen Text, lieber @ardentglow, vielleicht passend zu Ostern!


    Was sind Gedichte anderes
    als eine Operation am offenen Herzen?
    Vor aller Augen
    Und es ist dein eigenes Herz.
    „Eingriff“, Dilek Mayatürk-Yüzel

    #341412

    Dein Wall of Text lässt sich auch ganz einfach mit einem Wort zusammenfassen @ardentglow


    Sorry, das ich das so direkt “sagen” muss, aber das ist meine Meinung zu “Macht unser System krank”
    Du lebst in einem Land, in dem du dir selber aussuchen kannst, wie du leben willst. Sowas ist keine Selbstverständlichkeit in den meisten Ländern dieser Welt.
    In anderen würdest du einfach in der Gosse verrecken, wenn du keiner Arbeit nachgehen kannst.
    Also unser “System” ist ganz sicher nicht der Grund, warum du krank bist.

    Oder meinst du das “System” in Indien? Das in Südamerika, Afrika oder in  China?
    Da gibt es nämlich andere Systeme.

    Kleiner Tipp @ardentglow:
    Du änderst die Welt nicht, wenn du in deinem Wohnzimmer über irgendwelche Probleme sinnierst.
    Und du änderst sie auch nicht, wenn du einen für dich guten Lebensstil führst, dafür ist die Welt viel zu groß und zu komplex.
    Aber du könntest zumindest eine halbwegs schöne Zeit auf dem Planeten haben und evtl ein paar Leute in deinem direkten Umfeld von deinen Ideen überzeugen. Evtl hat dies ja langfristig irgendeine Auswirkung.
    Aber ändere die Welt bitte mit was greifbarem positivem anstatt nur rum zu jammern.

    Mich pers. ödet permanenter Weltschmerz einfach nur an.
    Was bringt es sich groß Gedanken über Sachen zu machen, die man entweder nicht ändern will oder nicht ändern kann?
    Die Zeit kann man sicher sinnvoller nutzen.
    In diesem Sinne:
    https://nur-positive-nachrichten.de/

     

    #341413

    Es gehört Mut dazu, diese Gedanken zu denken, @PlanB. Du hingegen schaffst es nicht.

    Und du änderst sie auch nicht, wenn du einen für dich guten Lebensstil führst, dafür ist die Welt viel zu groß und zu komplex.

    Würde das jede*r tun, wäre die Welt jedoch schnell geändert! Und der Herr der Ringe hat uns doch gelehrt, dass selbst der die Kleinste den Lauf der Welt verändern kann.


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    #341415

    Es gehört Mut dazu, diese Gedanken zu denken,

    Ich finde genau das Gegenteil ist der Fall.
    Tatenlos rum jammern, anderen oder “dem System” die Schuld geben und alles nur negativ sehen, das kann jeder.
    Aber es gehört Mut dazu, aktiv was verändern zu wollen.
    Wie gesagt, diese Veränderungen wären lokal begrenzt, können aber langfristig Dinge ins Rollen bringen.
    Siehe Greta Thumberg, ein kleines Mädchen sitzt alleine auf der Strasse für das Klima, Jahre später hat sich daraus eine Bewegung gebildet (unabhängig was man von ihr oder der Beweung halten mag, sie hat was bewirkt)

    #341416

    Ich denke, dass @ardentglow schon mehr tun würde, ganz sicher mehr tun würde, wäre er nicht durch seine Krankheit immens blockiert @PlanB.

    Er jammert ja nicht nur, sondern bietet Ideen für ein vielleicht besseres Miteinander, und die meinte ich mit dem Mut. Sie sind einfach. Aber vielleicht gerade deshalb machbar? Einfach ist gut sehr sehr oft.


    Was sind Gedichte anderes
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    #341417

    Hallo @PlanB. Ich finde, dein schönes Zappelbild fasst eigentlich eher den Gemütszustand schwächerer in unserem System zusammen, die alleingelassen ohne ihre Situation richtig zu verstehen an unserer Ellenbogengesellschaft elendig zugrunde gehen müssen. Würden wir von Südamerika, Afrika, Indien… reden, wäre das Bild nicht mehr jugendfrei.

    Ich wiederhole die Aussage: Ich weiss, dass der einzelne einer Gesellschaft Respekt schuldet, aber ebenso schuldet die ganze Gesellschaft dem Einzelnen denselben Respekt. Denkst du nicht, wenn es viele Menschen gibt, die so leben wollen wie ich, und die Regeln unserer Gesellschaft schlimm finden, wäre es ihr demokratisches Freiheitsrecht, dafür zu sprechen und zu kämpfen, damit Gehör und weitere Anhänger zu finden, und die Möglichkeit, diese Freiheit in der Realität zu leben? Ist doch ein demokratisches Recht, ebenso wie die Freiheit, das Wort zu erheben und eben auch auf die Fehler zeigen zu dürfen, und zu sagen, wir wollen’s anders machen.

    Was ist denn das auch für eine Demokratie, die man nicht mal mehr kritisieren darf, ohne gleich als undankbar verunglimpft zu werden? Etwas anderes ist freilich direkt Organe anzugreifen. Berechtigte Systemkritik an sich solle aber niemals so als belanglos verbrähmt werden. Interessiert dich nicht, wie es wäre in einer Welt ohne Vereinzelung, Geldgier, Zwang und Gewalt, und dafür mir mehr Gemeinsamkeit zu leben? Ich träume da schon mein Leben lang von.

    Meine Idee dreht sich auch nich darum, sinnlos über unsere Gesellschaft zu greinen. Sie ist ungerecht, das weiss ich seit ich schlau genug war das zu erkennen. Du siehst ja, ich zeichne einen Gegenentwurf, was ich mir vorstelle wie ich solche eine Gesellschaft und ihre Regeln lieber wollen würde: ohne Ellenbogen, Leistungsdruck, ohne Geld und Diskriminierungen, dafür soll sich jeder einzelne verstanden und aufgehoben und von allen unterstützt sehen.

    Das ist kein ängstliches “MI MI MI”, das spielt dir vielleicht nur deine eigene von deiner Rolle im System anerzogene unbewusste durch das Bild als verspottend gekennzeichnete Abneigung gegen schwächere vor, die unter dem Druck leiden weil sie sich nicht anpassen können oder wollen. Bitte leg die ab, denn auch solche wortlose Bildsprache kann sehr diskriminierend, beleidigend und verletzend sein. Das machen die Propagandastürme im Internet derzeit vor, die diese ungesunde Geisteshaltung systematisch ganzen Generationen ins Herz pflanzen.

    Das ist eher ein: Wir haben’s Satt, uns für eure Spiele behandeln zu lassen wie Vieh, wir wollen uns nicht länger gegeneinander aufhetzen lassen. Wir wollen lieber eure ganzen krankmachenden Regeln hinter uns lassen, und gemeinsam so leben, dass wir alle Frieden miteinander machen können.

    Und das war auch ein trauriges: Tut uns Leid, wir glauben da kann nicht jeder mitmachen. Wer das nicht leisten kann, freiwillig Respekt vor jedem einzelnen zu haben, der lebt besser in einer Welt wie sie jetzt ist. Wir wollen eure Welt aber nicht mehr so wie sie ist, sondern frei sein. Bitte seid fair, und gebt uns eine Chance das irgendwo aufzubauen ohne von euch gemassregelt oder angegriffen zu werden. Sonst vernichtet ihr mit unseren Herzen und unserer Würde irgendwann euer eigenes Herz und eure eigene Würde.

    Und, ich denke das nicht nur alleine im Wohnzimmer, sondern habe es gerade öffentlich gepostet und diskutiere es mit anderen. Was ist daran falsch oder vergeblich bitte? Du weisst schon, dass alle Ideen klein anfangen, und dass man sie beständig und geduldig hegen und pflegen muss, bis sie zu etwas angewachsen sind, was man dann mit anderen teilen und immer grösser werden lassen kann?

    Ich glaube ausserdem daran, dass es nicht zwecklos ist. Man muss nur genug Menschen finden, die sowas ernsthaft wollen und mitdenken und dafür kämpfen, so etwas umzusetzen. Selbst wenn es nichts wird, haben in der Zwischenzeit viele Menschen über ein interessantes Thema nachgedacht und wurden dadurch bereichert. Wir leben immerhin in einer Demokratie, man kann an ihr etwas ändern, man muss nur irgendwo klein anfangen, mit Gedanken im Wohnzimmer z.B., sollte es aber dann nicht dabei belassen, sonst vergisst man sie womöglich noch bevor man sie mit anderen teilen konnte.

    #341418

    Er jammert ja nicht nur, sondern bietet Ideen für ein vielleicht besseres Miteinander

    Naja, das ist halt seine Sicht für ein “besseres” miteinander. Jemand anders wird mit Sicherheit ein anderes “besser” haben.

    Beispiel:
    Irgendwelche antiautoritären Pädagogen kamen auf die glorreiche Idee, das Kinder erstmal nur Spass in der Schule haben sollen, ihnen soll also nicht vorgeschrieben werden, wie sie etwas zu schreiben haben.
    Weil, dieser “Zwang” würde ihnen ja nicht gut tun.
    Also bringt man ihnen in einer Zeit in der das Gehirn besonders gut lernen kann zunächst bei, wie man falsch schreibt, nur um ihnen dann später auf einmal zu sagen: Ja nee, ab jetzt gilt das bisher gelernte nix mehr.

    Wer denkt sich so einen Müll aus?
    Speziell für Kinder mit Migrationshintergund muss das die Hölle sein.

    Was ich damit sagen will:
    Nur weil jemand meint, für irgendwas eine Lösung zu haben, muss dies nicht eine sein.

    #341429

    Ich denke, unser System macht krank. Der Leistungsdruck. Der Konkurrenzkampf. Das Gegeneinander, statt dem Miteinander. Das “Herabschauen” auf andere.

     

    • Diese Antwort wurde geändert vor 1 Woche, 5 Tage von Dre@mwalker.
    #341434

    Ich denke unser System macht krank. Der Leistungsdruck. Der Konkurrenzkampf. Das Gegeneinander, statt dem Miteinander. Das “Herabschauen” auf andere.

    Was ein Unsinn.
    Ich arbeite ganz normal auf dem ersten Arbeitsmarkt und zumindest in meinem Umfeld machen die Leute einfach ihren Job, meist mit Leidenschaft.
    Ganz einfach weil sie ihren Job gerne machen.

    Hauptthema bei Weihnachtsfeiern etc, ist auch nicht:
    “Haha, dieses arme arbeitslose Pack muss unterdrückt werden”, sonden ganz normale Dinge wie:
    Kinder groß ziehen, Probleme beim Hausbau, etc, da schaut keiner auf andere herunter.

    #341437

    Naja, es stimmt schon, unsere Welt ist komplex, aber manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass manche recht schnell ihren Platz in der Welt finden, andere sind nach Jahrzehnten noch auf der Suche. Irgendwie ist da besonders Deutschland gespalten. Auf der einen Seite bietet es viele Möglichkeiten, auf der anderen steht ein regelrechter Kontrollzwang mit einer überbordenden Bürokratie. Das ist jedenfalls mein Eindruck.

    • Diese Antwort wurde geändert vor 1 Woche, 5 Tage von Digger22.
    #341439

    Hauptthema bei Weihnachtsfeiern etc, ist auch nicht: “Haha, dieses arme arbeitslose Pack muss unterdrückt werden”, sonden ganz normale Dinge wie: Kinder groß ziehen, Probleme beim Hausbau, etc, da schaut keiner auf andere herunter.

    Stimmt, kann ich bestätigen.

    • Diese Antwort wurde geändert vor 1 Woche, 5 Tage von Hanseatic.
    • Diese Antwort wurde geändert vor 1 Woche, 5 Tage von Hanseatic.
    #341444

    Ich denke unser System macht krank. Der Leistungsdruck. Der Konkurrenzkampf. Das Gegeneinander, statt dem Miteinander. Das “Herabschauen” auf andere.

    Was ein Unsinn. Ich arbeite ganz normal auf dem ersten Arbeitsmarkt und zumindest in meinem Umfeld machen die Leute einfach ihren Job, meist mit Leidenschaft. Ganz einfach weil sie ihren Job gerne machen. Hauptthema bei Weihnachtsfeiern etc, ist auch nicht: “Haha, dieses arme arbeitslose Pack muss unterdrückt werden”, sonden ganz normale Dinge wie: Kinder groß ziehen, Probleme beim Hausbau, etc, da schaut keiner auf andere herunter.

    Ja, das ist die Seite, auf der man sich in unserer Gesellschaft abfinden kann. Andere wiederum haben nicht dasselbe Glück, und müssen die argen Konsequezen dafür tragen. Ihnen bleibt der Raum verwehrt, den sie bräuchten, um sich entwickeln und entfalten zu können.

    Ich rede ja auch nicht davon, dass alle Menschen verdorben wären! Es sind ja wie ich schrieb nicht die Menschen, die das ganze kaput machen, sondern die Kultur von Zeit-, Leistungs- und Erfolgsdruck, Disziplinierung etc. die manchen Menschen liegt, aber andere zerstört, und wieder andere eben, anders als die Menschen, die du jetzt zitierst, dazu treibt im Kleinen Gift zu streuen und schwächere auszunutzen, sowie im Grösseren die Regeln zu machen, die das eben begünstigen. Es sind nicht alle Beteiligten – es ist einfach das Miteinander, und das Selbstverständnis, das aus allem gewachsen ist.

    Ich selbst glaube halt es liegt an diesen Dingen, hauptsächlich an der Mentalität von Egoismus, Konkurrenz und Wettbewerb, an dem sich aneinander Messen müssen. Es liegt daran, dass die Menschen einander bewerten, anstatt die Freude über gemeinsam geschaffenes zu teilen. Und daran, dass viele Menschen glauben, sie können über andere verfügen als wären sie Teil ihrer eigenen Gewalt.

    Beispiel: Irgendwelche antiautoritären Pädagogen kamen auf die glorreiche Idee, das Kinder erstmal nur Spass in der Schule haben sollen, ihnen soll also nicht vorgeschrieben werden, wie sie etwas zu schreiben haben. Weil, dieser “Zwang” würde ihnen ja nicht gut tun. Also bringt man ihnen in einer Zeit in der das Gehirn besonders gut lernen kann zunächst bei, wie man falsch schreibt, nur um ihnen dann später auf einmal zu sagen: Ja nee, ab jetzt gilt das bisher gelernte nix mehr.

    Also das waren vielleicht Experimente, die sehr gewagt und wenig fundiert waren. Da wurden die Kinder einfach sich selbst überlassen, weil man dachte das wäre natürlich. Das hat sich glaube ich auch deswegen nicht durchgesetzt, weil viele Kinder so oft nicht genügend Respekt voreinander lernten, sondern sich eben mit Ellenbogen durchzusetzen und Hackordnungen untereinander aufzubauen, die gerade ohne Eingriff von Aussen oft ungerecht und schädlich werden können. Besser wäre gewesen, die Erwachsenen hätten die Kids einfach mitgenommen und ihnen alles vorgemacht und zusammen mit ihnen gemacht, bis sie es raffen. Die, die es von selbst raffen, können das dann schneller und alleine und können es oft auch anderen noch beibringen.

    Wenn du genauer darüber nachdenkst, dass ich sage, ich wünsche mir eine Gesellschaft ohne Gewalt etc., dann merkst du vielleicht schnell, dass man dafür möglichst einfache, gerechte, humane und effiziente Regeln und Eingriffe braucht, um jedem einzelnen und damit der ganzen Gemeinschaft den nötigen Schutz vor solcher Gewalt zu geben. Das geht nicht ohne dass man den Kindern versucht, den nötigen Respekt voreinander durch Vorbild und Schulung intensiv zu vermitteln, und man muss sie voreinander zu schützen, wo die Beherrschung noch fehlt oder doch mal Streit entstanden ist. Ich denke eben auch, das sollte ohne Leistungsdruck und Erwartungsdruck geschehen, jedem nach seinem Tempo. Wenn jemand deswegen zurückbleibt, muss eben die ganze Gemeinschaft versuchen, ihn aufzufangen und seine und die Sicherheit anderer zu gewähren.

    Ich selbst glaube vielmehr, dass das Schulsystem als Zwangskorsett ungünstige Wirkung auf viele Menschen hat, und deswegen grossen Schaden anrichten kann. Ich würde den Unterricht eben ohne Bewertung und Zeitdruck etc. machen, sondern frei an verschiedenen Aufgaben und Qualifikationen orientiert, die jeder auf seine Weise, oder mit Hilfe anderer, bewältigen kann wann und wie er will, hauptsache er weist nachher das nötige Wissen und Können auf. Das kann sehr kreativ gemacht werden. Manche würden aus Sentimentalität vielleicht sogar eine Schule nach unserem Vorbild (aber ohne Nachsitzen, Sitzenbleiben, Strafarbeiten und Schulverweis…) aufmachen, andere einfach selbst und über Medien lernen mit Hilfe von Fachleuten, die sie begleiten und unterstützen, oder in Gruppen zum Thema, wo austausch und gegenseitige Hilfe beim Lernen stattfinden.

    Dafür muss man Menschen nicht unter den Druck setzen, im Raster funktionieren zu müssen oder ansonsten das Leben lang Konsequenzen zu tragen, wenn das schief geht. Ich z.B. habe mir Lesen und Schreiben ganz antiautoritär im Alter von 3 Jahren selbst beigebracht – meine Mutti versprach mir jeden Monat einen Comic zu kaufen, wenn ich ihn selbst lesen könne statt sie ihn mir vorlesen zu lassen, dann habe ich es gemacht, ein paar Wochen mit Kinderbüchern dazu und vielen Fragen an Erwachsene um mich herum habe ich gebraucht – es hat sich gelohnt, sie war überrascht aber sie stand zu ihrem Wort. In der Schule nachher hatte ich grosse Probleme, weil mir eine andere Schönschrift anerzogen wurde, bis ich irgendwann später einfach so geschrieben habe, wie ich es gewohnt war, bis die Lehrer sich nicht mehr beschwerten. War nämlich leserlicher. Ansonsten kann jeder Mensch in welchem Alter auch immer, etwas neu lernen, dafür braucht man kein Kind zu sein, dann geht es halt nur ein bisschen schneller. Man braucht nur die Zeit und Geduld und Motivation dazu.

    Das ist nunmal so, das habe ich schon als Teen so gedacht, dass ich das mal will, irgendwie will ich das immer noch. Ich möchte nicht dass ich oder Kinder von mir oder meine Freunde in die grausamen Schulen, Gerichte, Knäste und Behörden, den gnadenlosen Arbeitsmarkt und die Hackordnungen überall gezwungen werden, wenn sie es nicht wollen, sondern solche Angelegenheiten lieber fair, mitfühlend und auf menschliche Weise lösen wollen. Weil ich denke, es gibt bessere Wege dazu, die für jeden anders sein können, wobei man sich helfen sollte anstatt dabei gegeneinander anzutreten. Und es gibt keine Not jemanden dafür zu schikanieren und trotzdem zwingen zu wollen, wenn er das nicht will und er keinen Schaden an anderen anrichtet.

    Und sagt nicht, man ist ja der Gesellschaft verpflichtet aus der man kommt und die einen beschützt und versorgt, und Leute wie ich wollen sich davor drücken und aus der Verantwortung stehlen. Es geht ja gar nicht darum, ganz abzuhauen oder das alte System zu vernichten oder zu ersetzen. Es geht nur darum, endlich den Freiraum zu gewinnen, wo Menschen, die es wollen, nicht mehr dem Druck ausgesetzt sein müssen und sich so frei zum Nutzen aller entfalten können um gemeinsam Probleme ernsthaft zu lösen. So eine Gruppe würde ja auch klein innerhalb eines Landes anfangen, und muss sich an geltende Gesetze halten – die Steuern, nötige Versicherungen, Gesundheitsvorsorgen etc. müssen ja stimmen und gezahlt werden, für alles was von aussen kommt braucht es: Geld, das gemeinsam nach aussen erwirtschaftet und verwaltet werden muss. Zudem müssen die Rechte erstritten werden, eben nicht mehr den Gewalten unterworfen zu sein, die durch die Bewegung abgelehnt werden wie das Schulsystem oder das Rechtssystem, wenn aussenstehende nicht betroffen sind, um Platzverweise aussprechen zu können gegen Menschen, die sich unfair anderen gegenüber verhalten, und einen Zwischenbereich zu verwalten, in dem verwiesene sich aufhalten, die nicht in die alte Ordnung zurückkehren wollen, damit niemand fürchten muss, ganz ausgeschlossen zu werden. Das sind alles extrem verantwortungsvolle Aufgaben und Dinge, die zu erwägen sind, wenn jemand sich solch eine Freiheit wirklich mit anderen verwirklichen will. Ich hoffe, irgendwann schaffen es die Leute und werden respektiert und holen die Leute aus den Mühlen und gehen zusammen dahin, wo sie Frieden finden können und niemand mehr gezwungen wird, vielleicht bin ich ja dann ja mit dabei.

    Ein bisschen muss ich schmunzeln gerade, weil Ostern ist, und die frühen Christen auch ihr eigenes Ding machen wollten, alles Geld und allen Besitz in einen Topf geschmissen haben und lieber untereinander gerichtet und sich verziehen haben als Strafen zu fordern, und sich gemeinsam nach aussen vertreten haben wenn es von da Stunk gab. Ganz neu ist die Idee also nicht, aber wie ich finde, immer noch aktuell und extrem wertvoll.

    #341445

    Naja, ich glaube auf der einen Seite gibt es für jeden Arbeit, der arbeitsfähig ist und eine Arbeit will.

    Trotzdem ist auch viel Mist dabei und auf Dauer macht das in einem System, in dem es dann doch recht vielen auch ganz gut geht, depressiv, wenn man sich mit einer Arbeit zufrieden geben muss, bei der man vielleicht nur Mindestlohn verdient und die einem so überhaupt gar keine Befriedigung gibt. Mit Befriedigung meine ich auch sowas wie Wertschätzung.

    Trotzdem geht es uns hier in diesem System im Vergleich zum Großteil der Welt eben doch relativ gut.

    Relativ gut, weil man eben alles in Relation sehen muss, wie oben geschrieben. Wer hier Bürgergeld bekommt, der lebt eben unter der Armutsgrenze in diesem Land und im Vergleich zu denen, die genug haben, um nicht jeden Cent umdrehen zu müssen.

    Setzt man das in Relation zu dem wie einer in irgendeinem indischen Slum lebt, ja man, dann gehts einem mit Bürgergeld verdammt gut und so gesehen ist es fast schon wie ein 6er im Lotto, dass man in Deutschland, Schweiz, Österreich, Niederlande und sowas leben darf.

    Aber nur weil es uns im Vergleich zur restlichen Welt doch noch relativ gut geht, ist das Elend nicht weg. Es existiert.

    Wenn alle Kinder geschlagen werden, dann wird es bei den meisten Kindern nicht mehr zu einem Trauma führen, weil es eine gewisse Normalität hat.
    Werden nur einzelne Kinder geschlagen, dann kann das Schlagen, diese Gewalt massivst traumatisierend sein.

    Und so ist es eben auch mit dem System. Solang man als einzelner Loser in einem System voller erfolgreicher Menschen lebt, wiegt das Schicksal viel schwerer auf einem, als wenn alle im System abloosen.


    Eine Wunde ist ein Ort, über den das Licht in dich eindringt. (Rumi)

    #341446

    Nur weil jemand meint, für irgendwas eine Lösung zu haben, muss dies nicht eine sein.


    @PlanB
    , dazu müsste @ardentglow etwas schreiben, denn ich weisz nicht, wie er es sieht. Ich habe auch Gedanken an eine bessere Welt, für mich versteht es sich aber, dass dies SO seeehr wahrscheinlich noch keine vollfähige Lösung ist, daran müsste mensch zusammen mit anderen wie an einem Projekt arbeiten, und dass es später, gerade in einer eventuellen Anfangsphase einer – “besseren Welt” – zu Fehlern, damit einhergehenden Verlusten kommen könnte wie in Deinem Beispiel, finde ich schon auch normal. Ganz würde mensch dies nicht vermeiden können, da es sich um sehr grosze, sehr neuartige Umwälzungen handelte. Aber irgendwann sollten dann auf signifikante Weise Früchte kommen. Grosz heiszt auch nicht unbedingt, schwer zu erreichen; wer weisz, vielleicht haben die Menschen oder einige ihrer echt irgendwann die Nase voll. Also nochmal, mir ginge es nicht darum, eine unumstöszliche Lösung zu haben, sondern etwas, das sich noch hundertfach anpassen müsste. Es gibt sicher Menschen, die sich da besser auskennen und vielleicht dieselben Werte vertreten würden, wie ich. Die Richtung und sicher auch einige Pfeiler sollten aber stimmen.

     


    Was sind Gedichte anderes
    als eine Operation am offenen Herzen?
    Vor aller Augen
    Und es ist dein eigenes Herz.
    „Eingriff“, Dilek Mayatürk-Yüzel

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