Psychose und Spiritualität – Verrückt oder erleuchtet?

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    Anonym

      Erstaunlich viele Menschen berichten von spirituellen Erlebnissen während einer akuten Psychose. In der Psychiatrie werden solche Erfahrungen bislang kaum berücksichtigt. Dabei könnten sie zu einer wesentlichen Bereicherung für die Betroffenen werden.

      Die völlig veränderte Wahrnehmung während einer Psychose wird von sehr vielen Betroffenen als eine spirituelle oder im engeren Sinne religiöse Erfahrung empfunden. In einer Studie des nordamerikanischen Psychiaters Michael Siglag berichteten 52 Prozent der Betroffenen von solchen Erlebnissen. Der britische Arzt Mike Jackson kommt zu einem noch höheren Ergebnis: 89 Prozent der Teilnehmer einer Psychose-Selbsthilfegruppe bejahten die Frage: „Haben Sie jemals eine Gegenwart oder eine Kraft erlebt, ganz gleich, ob Sie es nun Gott oder anders nennen, und befanden sich dabei in einem Zustand, der nicht Ihrem alltäglichen Selbst entspricht?“

      Manche Patienten berichten, Jesus oder Gott persönlich begegnet zu sein oder seine Gegenwart gespürt zu haben. Die Sinne und das Bewusstsein scheinen erweitert. Nicht selten fühlen sich Menschen während einer Psychose erleuchtet. Alle Zusammenhänge in der Welt scheinen plötzlich klar, alle Geheimnisse gelöst. Die Dinge ergeben einen Sinn und sind mit Bedeutung geladen.

      Ronald Mundhenk, evangelischer Seelsorger am Psychiatrium in Heiligenhafen, hat das mystisch-ekstatische Erleben in der Psychose untersucht: Das Ich scheint sich aufzulösen und Teil einer großen, umfassenden Einheit zu werden.

      Lichterscheinungen und Gottesvisionen, mystische Ekstase und himmlische Erleuchtung sind – wie in vielen anderen Religionen – ein fester Bestandteil auch der christlichen Tradition: Paulus wird durch Lichterscheinungen bekehrt, zu Moses spricht sein Gott aus einem brennenden Dornbusch, Johanna von Orléans vernahm Gottes Stimme und wurde von ihm persönlich mit der Befreiung Frankreichs beauftragt. Die Ähnlichkeiten des psychotischen Erlebens zur traditionellen Mystik sind, dem Theologen Mundhenk zufolge, unverkennbar. Und so würde mancher mittelalterliche Mystiker heutzutage vermutlich in die Psychiatrie eingewiesen werden. Unmittelbare religiöse Erfahrungen sind in unserer Gesellschaft nicht mehr vorgesehen. „Ich denke manchmal, vielleicht sind die Psychiatriepatienten die letzten Heiligen, die Gott noch sehen“, weist der Theologe Mundhenk die rein pathologisierende Zuordnung zurück.

      Jackson geht davon aus, dass spirituelle und psychotische Erfahrungen den gleichen psychischen Prozessen unterliegen. Ob eine Erfahrung als spirituell oder als psychotisch interpretiert wird, sei auch eine Frage der gesellschaftlichen Konventionen.

      Selbst in der psychiatrischen Praxis spielen die psychotischen Inhalte kaum eine Rolle. Noch immer gelten in den meisten Kliniken die Inhalte des Wahns als rein krankhaft. Die Auseinandersetzung mit ihnen wird abgelehnt, da dies den Wahn verstärke, so die Befürchtung. Die praktischen Fragen der Lebensführung und der Wiedereingliederung in die Arbeitswelt stehen im Vordergrund. Ob und welchen Sinn eine Psychose haben könnte, wird wenig thematisiert.

      Wohl jeder Mensch hat das Bedürfnis, sich einen Reim auf sein Leben zu machen. Wer eine Psychose erlebt, muss sich neu erfinden und seine Geschichte neu zusammenfügen. Glaube kann den Betroffenen helfen, wieder das Bild einer vollwertigen Person von sich aufzubauen.

      http://www.blockfrei.net/img/upload/media/03e75eb9_PsyHeu6.pdf

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