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Mowa aktualisiert.
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09/05/2019 um 9:24 Uhr #37427
Anonym
Liebe Mowa,
ich war noch nie hier, habe nur eben einmal hereingestöbert, weil sich „Notizen von Mowa“ schön unaufgeregt liest, und bin über dein Wiederentdecken deines Ichs gestolpert. Mein Lebensgefährte und ich setzen uns damit auch auseinander, er ist auch hier im Forum. Ich sag dir kurz, wie es bei mir war, es war eigentlich eine Zeit, und zwar im Winter 2014/ 15, wo erstmals klar deutlich vor mir lag, mein Ich, das ist jetzt also weg.
Und aber ich wollte es wieder. Nahm mir das vor. Entwickelte im Laufe der Zeit auch lustige Pläne richtiggehend, die meiner Meinung nach sogar taugten, zum Beispiel kaufte ich mir ein Tafelwerk und ein Mathebuch, und arbeitete das durch. Wie ich es in meiner Jugend getan habe, einfach so, aus Interesse. Ich wollte mein altes dazugehöriges Gefühl zurück!
Heute weiß ich, dass das, was ich im Winter 2014/ 15 suchte, etwas ist, das auch in der buddhistischen Achtsamkeit beschrieben ist, denke ich. Und zwar wollte ich vor allem mein altes Bewusstsein zurück – mit den kleinen Dingen. Wie du beschreibst beim Essen am Tisch, oder auch im Museum, wenn ich ein Exponat sehe, möchte ich es gedanklich auch greifen können und nicht davor stehen wie der Bauer vorm Ochs oder wie sagt man. Mir fehlte es, die Dinge wieder fühlen zu können. Ein Taschentuch, das man in der Hand hält oder auch den Fahrtwind bei geöffnetem Autofenster im Sommer.
Das kam dann so nach und nach bei mir. Erst erlangte ich so Bruchstücke, dann mehr – dann mehr und immer mehr und heute würde ich sagen, bin ich bereits ganz im Reinen mit mir. Ich MAG mein Erleben. Es ist eines da und ich maag es.
Vielleicht hast du Lust, noch ein wenig ausführlicher zu schreiben, wie es bei dir war und ist?
Liebe Grüße,
Aqua
09/05/2019 um 14:55 Uhr #37448Liebe Aqua,
danke für deinen Post. Deine Schilderung über Dein persönliches Erleben, wenn Du z.B. vor einem Exponat im Museum stehst, das kann ich sehr gut verstehen, denn es geht mir glaube ich sehr ähnlich. Dass Du inzwischen im Reinen mit Dir bist, das klingt wirklich schön und freut mich für Dich.
Das Wiedererlangen des eigenen Ichs erlebe ich i.a. so, dass ich mich darauf verlassen kann, dass ich auf externe Reize reagiere und mit ihnen interagiere, und zwar nicht nach einem beliebigen oder allgemeingültigen Algorithmus wie bei Maschinen, sondern ganz individuell menschlich, was nur ich kann, weil ich als Mensch einzigartig bin. Es ist wie ein Versuch, sich selbst erneut kennen zu lernen. Dabei empfinde ich ich eine Art Gewissheit und Vertrauen, dass meine Gefühle und Gedanken vollkommen in Ordnung sind und von mir selbst erstmal zugelassen und angenommen werden dürfen.
Eigentlich bin ich auch extrovertiert und exzentrisch, glaube ich, aber dieser Teil von mir wurde wohl früh in der Kindheit stummgeschaltet. Nach außen hin wirkte ich mit zunehmendem Alter immer introvertierter und angepasster.
Als meine Mutter letztes Jahr nach meinem ersten Rückfall die Bilder sah, die ich ein Jahr nach meiner ersten Psychose in 2010 gemalt hatte, hat sie so kommentiert, sie sei froh, dass ich solche Bilder malen kann, die nicht krampfhaft versuchten angepasst zu wirken. Ich lege viel Wert auf dieses Urteil von ihr und beziehe es nicht nur auf die Zeit seit meiner ersten Psychose in 2010, sondern auch auf meine gesamte Jugend und Kindheit.
Ich war als Kind ein sehr schwieriges Kind, das gelogen, geklaut und getötet hat. Und meinen ersten Klavierunterricht bekam ich mit 9 Jahren, d.h. erst nach 5 Jahren Überzeugungsarbeit bei meinen Eltern, dass ich wirklich Klavier lernen wollte. Ein knappes Jahr später sind wir dann nach London umgezogen, und der Unterricht wurde nicht fortgesetzt, denn das Leben zum ersten Mal in einem fremden Land fernab von Japan wurde auch für mich damals zu sehr spannend.
Na ja, kritisieren will ich meine Eltern nicht, dafür dass ich nicht in der frühen Kindheit gefördert wurde. Erstens bringt das heute nichts und zweitens hätte ich als Eltern ganz sicher die Kinder nicht besser erziehen können. Drittens bin ich später doch sehr gefördert worden, vor allem als ich mit 16 Jahren aus dem Elternhaus ausziehen konnte und mit voller finanzieller Unterstützung alleine nach Deutschland zurückkehren durfte. Ich wette, dass Jugendliche mehrheitlich von einer solchen Gelegenheit träumen…
Vor allem fehlt mir heute an nichts. Wie gesagt, meine Psychosen bringen Seiten von mir ans Tageslicht, mein nach außen hin gewandtes Wesen, das gerne mit Menschen zusammen ist und das Leben genießt. Das ist erst durch das Zusammenleben mit meinem Mann möglich geworden, da ich ihm gegenüber kein besserer Mensch oder sowas sein brauche sondern einfach nur ich selbst. Scheinbar und auf den ersten Blick vielleicht anspruchlos, und doch für mich sehr anspruchsvoll!
LG,
Mowa09/05/2019 um 19:05 Uhr #37477
Anonym
Danke Mowa!
Klingt ziemlich gut für mich, wir sind alle immer in Veränderung und es ist doch umso schöner, so wir das auch spüren können, ich denke, Viele würden es gar nicht bemerken, käme mal eben ihr Ich abhanden …
Du bemerkst unglaublich viel, was du natürlich super nutzen kannst. Also ran an an den Speck!
Und oh, wir waren aber zwei seehr unterschiedliche Kinder, ich bin eines Tages bis zum späten Abend bis es feucht wurde auf der Wiese hinterm Haus sitzengeblieben, weil ich keine Insekten auf dem Rasen mit meinem Gehen zum Haus tottreten wollte. Habe immer alles gerettet und an Spinnen & Co.
So bin ich noch heute, es ist definitiv altruistisch.
Aber auch ich mache nicht immer alles richtig, im Gegenteil, nur die Intention stimmt halt desöfteren.
Klingt echt schön der Moment mit deiner Mom.
Klavier war auch mein Wunsch in der Jugend. Er wurde mir nicht erfüllt. Ich habe vor anderthalb Jahren mir dann endlich ein E-Piano zulegen können und habe mit dem Unterricht in der Kreismusikschule begonnen, der allerdings jetzt zum Mai erst einmal außerregulär gekündigt wurde meines Kraftmangels wegen, ich habe ein fachärztliches Attest vorgelegt.
Hatte nach all den Jahren des Nichtklaviespielenkönnens auch Probleme. Habe zwar wohl ein großes Talent, aber musste mich zum Üben immer sehr überwinden und habe verschwinden wenig eigentlich geübt. Konnte einfach nicht. Obwohl es DER Traum von mir war und auch immer noch ist, irgendwann gibt es einen neuerlichen Anlauf.
Liebe Grüße, Dana
10/05/2019 um 3:48 Uhr #37515Liebe @Aqua,
danke für Deine Rückmeldung. Wenn Du Dana bist, dann hatte ich mich gewundert, warum Du nicht mehr geschrieben hast. Schön, dass Du doch hier bist.
Ja, es ist immer so tragisch, wenn wir Talente nicht ausleben und ausreifen können. Im Gegensatz zu Dir bin ich mir nicht sicher, inwiefern ich wirklich musikalisch talentiert war und bin, aber es war auf jeden Fall mein Kindheitstraum. Ein E-Piano habe ich mir auch zugelegt, einmal als ich studiert habe und einmal nach meiner ersten Psychose. Das neuere haben wir immer noch zu Hause und vor allem mein Mann experimentiert damit, was mich sehr freut.
Da fällt mir ein, bei Musik geht es mir genauso wie in Deinem Beispiel mit Museumsexponat. Inzwischen ist mir klar, was ich mag, und Musikhören ist ein solches sinnesintensives Erlebnis. Kennst Du den Film „Hello, I am David!“ über und mit David Helfgott? Jetzt im Schub war mein Erleben seines Klaviers so intensiv, und ich habe über FB seinen Manager angeschrieben und gesagt, es sei mein surrealer Traum, sein Rach 3 zu vokalisieren. Der Manager war sehr freundlich und hat mir auch tatsächlich hilfreiche Rückmeldungen gegeben
Ja, und diesen Satz von mir wollte ich noch gerne etwas erklären:
Ich war als Kind ein sehr schwieriges Kind, das gelogen, geklaut und getötet hat.
Als ich im Kindergartenalter war (vielleicht schon in der 1. Klasse), habe ich von der Mutter einer Freundin 2 Küken geschenkt bekommen. Zu Hause angekommen, sagte mir meine Mutter, nein wir könnten die Tiere auf keinen Fall behalten und ich müsse die Küken zurückbringen. Und irgendwie habe ich es nicht geschafft, zum Haus der Freundin zurückzukehren und die Küken zurückzugeben. Stattdessen habe ich unterwegs an einer Müllsammelstelle eine Buddhafigur gesehen, die viel wog (vielleicht aus Messing oder so). Und ich habe die Küken mit dieser Buddhafigur zerquetscht, „Es tut mir leid aber es geht nicht anders“ murmelnd.
Natürlich wurden die toten Küken bald darauf entdeckt, und meine Mutter hat davon sehr schnell erfahren. Zur Strafe habe ich unseren Spaten in die Hand gedrückt bekommen und musste die Küken etwa 10 m entfernt von der Müllsammelstelle begraben, in aller Öffentlichkeit sozusagen. Ich habe mich sehr geschämt und habe die Küken wie versteinert bestattet.
Ja, dieses Erlebnis war derart mit Schuld- und Schamgefühlen besetzt, so dass ich 20 Jahre lang oder so es nicht verbalisieren konnte. Und als ich es tat, zu Hause bei meiner Familie (vielleicht war nur meine Mutter anwesend), kamen mir sofort die Tränen ins Auge. Heute ist immer noch ein großes Bedauern, und es ist mir noch etwas rätselhaft, warum ich die Küken damals nicht einfach bei der Freundin zurückgebracht hatte.
Letztes Jahr in der Klinik habe ich u.a. dieses Bild gemalt:

Das Bild enthielt zuerst nur die Buddafigur und die beiden Küken im Blutbad. Als ich dann immer weiter gemalt habe, hatte ich plötzlich noch das Riesenküken hinter der Buddhafigur. Das fand ich so faszinierend, und das Bild gefällt mir immer noch ziemlich gut…
Diese Geschichte von den Küken habe ich auch schon im KNS-Forum gepostet, und wenn das Forum jetzt zur Verfügung stehen würde (tut es leider seit einer Weile nicht mehr), hätte ich die Geschichte einfach verlinkt, naja. Es ist also nicht, dass ich als Kind dauernd etwas mit Absicht getötet hätte, und abgesehen von den Küken war ich auch eher so, dass ich keiner Fliege etwas antun wollte. Zumindest wurde das von einer uralten Schulfreudin aus meiner Bonner Zeit neulich bestätigt („uralt“ d.h. die Freundschaft haben wir seit über 30 Jahren).
LG,
Mowa10/05/2019 um 11:52 Uhr #3753810/05/2019 um 15:28 Uhr #37552
Anonym
@mowa liebe bis in den tod schmerzt. das ist so ein phantomschmerz, der wohl erst nachlässt, wenn du bereit bist, dich so zu lieben wie du da grad bist – ohne das geliebte. loslassen zu können dauert. trauer überhaupt. irgendwann kannst du die geschichte weitergeben ohne dass es dir selbst noch weh tut. dann bewahren andere sie für dich auf, spüren den schmerz und teilen deine sehnsucht. das ist wohl der sinn von geschichte.
11/05/2019 um 7:00 Uhr #37669Guten Morgen @all,
liebe @christine danke Dir, die Schmerzen sind doch wesentlich besser geworden. Zuerst das erstmalige Verbalisieren, das war ein großer Schritt für mich, und danach seit 20 Jahren immer wieder mal daran denken und verbalisieren.
Die Sehnsucht, genau nach dem Verlorenen aber auch danach, mein damaliges Ich verstehen zu wollen und verzeihen zu können. Ich weiß, dass die Vergangenheit nicht geändert werden kann, aber irgendwie will ich mich auch nicht nur damit abfinden. Ich wünsche mir da mehr…
Ja, mein Wochenende zu Hause kann jetzt beginnen, denn die Tür zur Station wird jetzt um 7 Uhr aufgeschlossen. Dann werde ich in der gemeinsamen Wohnung übernachten und morgen bis 21 Uhr zurückkommen
Uns allen ein schönes Wochenende wünscht
Mowa
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Diese Antwort wurde vor 6 Jahren, 9 Monate von
Mowa geändert.
11/05/2019 um 7:04 Uhr #37671
Anonym
Wie schön ein Wochenende zuhause, laß es Dir gut gehen liebe Mowa. Ich geh jetzt raus Rehe schauen. Lg, Bernadette
11/05/2019 um 7:04 Uhr #37672
Anonym
@mowa viel spaß daheim :) mir war beim ersten wochenendausgang ziemlich flau. unter medikamenten hab ich das daheim anders erlebt. das war verwirrend. ein bisschen wie seiltanzen. durch das lange liegen war der kreislauf außen vor.
11/05/2019 um 7:18 Uhr #37678oh schön das du nach hause kannst bis morgen liebe @mowa,
ich wünsche dir eine schöne zeit daheim und das alles gut klappt…
liebe grüße :bye:
11/05/2019 um 7:21 Uhr #37681Danke liebe Leute! Ich werde doch hier in 10 Minuten frühstücken, mein Mann schläft eh und ich spare das Geld für Brötchen und verschwende nicht die Klinikkost.
11/05/2019 um 7:22 Uhr #37683ja das klingt doch nach einem guten plan dann…fährst du mit den öffis heim oder wie bist du mobil ?
11/05/2019 um 7:25 Uhr #37684Ich habe mein Fahrrad hier geparkt, dann brauche ich nur 10 Minuten, gerade über den Neckar. Zu Fuß brauche ich doppelt so lange
11/05/2019 um 7:27 Uhr #37685
Anonym
11/05/2019 um 7:29 Uhr #37686ach das ist ja mal praktisch das du dein rad dabei hast :good:
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Diese Antwort wurde vor 6 Jahren, 9 Monate von
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One thought on “Notizen von Mowa”
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