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Mowa aktualisiert.
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06/01/2021 um 6:30 Uhr #140114
Entwurf meines Beitrages für *** Ausgabe 03/21
Version: 06.01.2021 06:05 Uhr
7757 Zeichen mit LeerzeichenInklusion, Stigma und Arbeitsplatz
Perspektive einer Psychoseerfahrenen
MowaNiemand ist frei von psychischen Belastungen. Je nach Intensität und Dauer können sie jeden Menschen krank machen – auch am Arbeitsplatz. Um so wichtiger ist eine positive und offene Führungskultur, die sich der Prävention von psychischen Erkrankungen und der Inklusion von Betroffenen annimmt. Dieser wichtigen Fürsorgepflicht der *** sind mit der Gründung des Mental Health Collective (MHC) vier junge wissenschaftlichen Mitarbeitenden zuvorgekommen: ***.
Im Oktober 2020 hat das MHC die *** mit großem Erfolg veranstaltet, mit mehr als 1100 Teilnahmen an diversen Vorträgen und Seminaren zum Thema psychische Gesundheit (1). Zweiwöchentlich findet auch die *** statt, die einen offenen Austausch im geschützten Raum auch über psychisch belastende Erfahrungen ermöglicht. Trotz der großen Nachfrage bei den Mitarbeitenden ringt das MHC bis heute um finanzielle und personelle Unterstützung. Eine aktive Mitwirkung der Leitungs- und Führungsebene der *** an dieser bislang ehrenamtlichen Initiative mit ihren vielfältigen Ideen für zukünftige Projekte wäre sehr zu wünschen.
Im Folgenden möchte ich mich als Mitarbeiterin der *** und als Betroffene mit einer psychischen Erkrankung zu erkennen geben. Ich hoffe, mit diesem persönlichen Erfahrungsbericht sowohl Betroffene als auch Nichtbetroffene dazu einladen zu können, eigene Haltungen zu überdenken und selbst zum Abbau von Stigma beizutragen.
Als ich im Herbst 2010 aus meinem ersten Psychiatrieaufenthalt entlassen wurde, kam ich mir wie eine Außerirdische vor. Alles um mich herum war grell, rau und fremd. Ich konnte nicht fassen, was mit mir passiert war. Paranoide Schizophrenie, Erstmanifestation – was bedeutete das? Mitten in der geschäftigen Altstadt von Freiburg im Breisgau, wo ich das Jahr zuvor als Medizinstudentin im Zweitstudium verbrachte, nahm meine kleine Schwester beschützend meine Hand und half mir über die Straße.
„Was sind Ihre Visionen für die nächsten 10 Jahre?“, wurde ich einige Monate später gefragt, im Bewerbungsgespräch bei einer NGO, die sich mit Ökologie und Nachhaltigkeit befasste. In diesem Augenblick wusste ich nur, dass ich im letzten Sommer einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, der Psychose hieß, und ich ein Neuroleptikum einnahm. Es ging mir etwas besser, und ich war nicht mehr nur bettlägerig. Ich bekam aber auch Nebenwirkungen der Medikamente zu spüren, was sich darin ausdrückte, dass sich mein Kopf wie eingegipst anfühlte, meine Gedanken und Gefühle wie verschüttet waren und ich adipös wurde. Sprachlos und verlegen, verabschiedete ich mich.

Aufgenommen im Oktober 2010Seit diesem Tag kam es schon mal vor, dass ich mir ausmalte, was ich alles noch ohne meine Erkrankung und als Nachwuchswissenschaftlerin in der Spitzenforschung hätte erleben können. Und doch habe ich so viel in Fülle erlebt und gelernt, was es bedeuten kann, ein Mensch zu sein. Daher denke ich nicht, etwas verpasst zu haben oder zukünftig zu verpassen. Hätte ich dies vor 10 Jahren beim besagten Bewerbungsgespräch geahnt, hätte ich bestimmt geantwortet: „Mein großer Traum ist, dass immer mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen ein so hohes Maß an Inklusion erfahren wie ich selbst“. Mit Inklusion meine ich vor allem die Integration und die Förderung, die ich von Prof. *** und den Mitarbeitenden seiner Abteilung erfahren habe, zuerst am *** und dann am ***.
Erst durch das Vertrauen und die Sicherheit, die mir am Arbeitsplatz geschenkt wurden, konnte ich meinen Genesungsprozess einleiten und diesen aufrechterhalten: Finanziell kann ich für mich selbst sorgen. Ich bin von Menschen umgeben, die mich und meine Arbeit wertschätzen. Ich habe eine Tagesstruktur. Darüber hinaus wurden mir Freiheiten gewährt, um meine Fähigkeiten und Interessen gezielt einzusetzen, sei es im IT-Support, in Forschungsprojekten, oder inzwischen auch im Betriebsrat und Gesamtbetriebsrat. Meine beiden Rückfälle im Frühjahr 2018 und 2019, bei denen ich mit akuten Symptomen teilweise auch auf der Arbeit war, haben nicht dazu geführt, dass ich ausgegrenzt wurde. Im Gegenteil, ich habe weiterhin Geduld und Unterstützung erfahren.
Dass es Stigma, Vorurteile und diskriminierendes Verhalten gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen gibt, schließen meine persönlichen Erfahrungen natürlich nicht aus. So geht es mir beispielsweise auch mit Rassismus. Nur weil ich selbst keine offenen Anfeindungen und Diskriminierungen aufgrund meiner Herkunft und der sonstigen Merkmale erlebt habe, bedeutet es nicht, dass es das nicht gibt. Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen leben mit schweren Krankheitsverläufen und medikamentösen Nebenwirkungen, haben Schicksalsschläge und existenzielle Krisen durchstanden. Und viele Menschen sehnen sich nach mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, auch an der Arbeitswelt, und doch fristen viele Menschen ein Schattendasein am Rande unserer Gesellschaft.
„Haben Sie schon mal von der UN-Behindertenrechtskonvention gehört? Menschen mit psychischen Erkrankungen haben ein Recht auf Arbeit. Es geht nicht um Mitleid oder Almosen, wenn sie arbeiten wollen“. Das waren die einprägsamen Worte von Prof. Nicolas Rüsch, Psychiater und Stigmaforscher an der Universität in Ulm, die mich ins Staunen versetzten (2). Dieses Selbstbewusstsein und Selbstverständnis wünsche ich mir zuerst für mich selbst, sind doch meine wissenschaftlichen Leistungen erheblich eingeschränkt, im Vergleich zu früher, vor meiner Erkrankung? Wie passt das zusammen mit dem Vorzeigebild der ***, mit ihrer Exzellenzforschung?

Öl auf Karton, 03.03.2018Bis ich selbst erkrankte, hatte ich keine Berührungen mit psychischen Erkrankungen. Mir fehlte das Wissen völlig, wie sehr psychische Erkrankungen gesellschaftlich stigmatisiert werden. Vor einigen Jahren bezeichnete ich mich einmal selbst als Psycho und meinte es wertfrei, und doch wurde ich von einer langjährigen Freundin, die nicht von psychischen Erkrankungen betroffen ist, sofort korrigiert: „Sage bitte so etwas nicht über dich!“. Erst später habe ich verstanden, warum meine Freundin so schockiert war und dass die Bezeichnung Psycho Stereotype von Menschen mit psychischen Erkrankungen implizierte, wie etwa: schwach; faul; gewalttätig; unberechenbar – und einfach nicht normal!
Was normal sein sollte, fiel mir schon immer schwer zu begreifen. Die Frage nach der eigenen Identität: „Was und wie bin ich und warum?“ beschäftigt sicher jeden Menschen. Mal mehr, mal weniger. Ich sehe mich selbst als das normalste Individuum meiner Welt und kann es mir kaum vorstellen, dass meine Mitmenschen über sich selbst anders denken könnten.
In der *** treffen Menschen mit verschiedensten Lebenserfahrungen, Überzeugungen und Fähigkeiten zusammen und arbeiten gemeinsam im Dienste der Wissenschaft, für die Allgemeinheit. Jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum, und wir alle können voneinander lernen, uns gegenseitig bereichern und einander respektieren. Genau darin besteht für mich die Exzellenz. Ich bin stolz, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.
Referenzen:
(1) ***
(2) Persönliche Kommunikation. Siehe auch: Nicolas Rüsch, Das Stigma psychischer Erkrankung: Strategien gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, Urban & Fischer/Elsevier, München, 1. Aufl. 2021, 332 Seiten.
06/01/2021 um 6:48 Uhr #140115<p style=“text-align: left;“>Wow liebe@Mowa</p>
Danke für den Vortrag…absolut klasseDu kannst echt stolz darauf sein.
06/01/2021 um 6:55 Uhr #140116Dieser Satz gefällt mir :good: .
Danke übrigens @Dopplereffekt, dass Du so aufmerksam bist. Dieser Satz bedeutet mir auch sehr viel!
DAS ist auch der Grund, warum für mich Mitleid Fehl am Platz ist. Ich bin doch kein „besonderer“ Mensch. Die Ehe zwischen meinem Mann und mir ist auch keine „besondere“ Ehe zwischen „besonderen“ Menschen
06/01/2021 um 6:56 Uhr #14011706/01/2021 um 6:58 Uhr #140118Hallo Mowa,
Perspektive einer Psychoseerfahrenen
Du gehörst ja praktisch mit Deiner Akademikerausbildung und Deinem Doktortitel, Deiner Arbeit, Deinem Einkommen und Deiner elterlichen Herkunft etc. zur Oberschicht. Das sei Dir natürlich gegönnt und es ist auch sehr löblich, dass Du Dich für die Rechte der Betroffenen einsetzt. Ich finde nur, Deine Perspektive ist nicht typisch für Psychoseerfahrene, die ja oft Außenseiter sind und am Existenzminimum leben.
Wie willst Du angesichts Deiner privilegierten Situation die Authentizität hinkriegen, frage ich mich?
06/01/2021 um 7:43 Uhr #140119Guten Morgen@yuri
Wenn nicht @Mowa damit beginnt darauf aufmerksam zu machen…passiert nie was.
Ich finde es super und total authentisch.
Auch wenn andere ,mich einbezogen diese Erfahrungen die Mowa gemacht hat, nicht hatten.
Mowa ist im Betriebsrat ,warum sollte sie das nicht nutzen.
06/01/2021 um 7:53 Uhr #140120Guten Morgen Yuri,
danke für Deine Frage. Zur Oberschicht zähle ich mich nicht, aber es ist sicher so, dass ich immer sehr privilegiert war und als eine Folge davon es heute noch bin.
Wie willst Du angesichts Deiner privilegierten Situation die Authentizität hinkriegen, frage ich mich?
Es ist ja eine persönliche Geschichte, die ich aus meiner persönlichen Perspektive erzähle. Insofern ist sie für mich wahr und authentisch. Ich erhebe auch keinen Anspruch darauf, dass meine persönlichen Erfahrungen repräsentativ o.ä. wären für andere Menschen mit psychischen Erkrankungen. Ich hoffe, dass das im Text klar wird, und wenn nicht, sollte ich das unbedingt noch ändern.
Als ich meinem Mann das erste Mal von der Möglichkeit erzählt habe, dass ich diesen Beitrag veröffentlichen kann, war er ambivalent. Das hatte ich im Telefongespräch mit Herrn Rüsch auch so geäußert:
Prof. Rüsch: Was sagt Ihr Mann dazu?
Mowa: Einerseits „Das bringt nichts“ und andererseits „Das ist super“. Mein Mann hatte bereits mit 17 Jahren ([sic] muss wohl 18 Jahren heißen) seine erste Psychose, und konnte nie richtig in die Gesellschaft integriert werden. Daher hat er nochmal eine ganz andere Perspektive zum Thema als ich, die gute Erfahrungen gemacht hat.
Prof. Rüsch: Leichter hatten Sie es vielleicht nicht, aber Sie konnten Ihre Ausbildung vor der Erkrankung abschließen.
Mowa: Ja, und ich hatte es auf jeden Fall leichter als meinen Mann, denke ich.Und die Ambivalenz teile ich auch. Es ist wirklich super, dass ich mich als Betroffene in dieser Form zu Wort melden kann. Vor wenigen Jahren wäre das vielleicht nicht mal möglich gewesen. Gleichzeitig ist mir auch klar, dass dieser Beitrag alleine gar keinen Einfluss darauf haben wird, wie es z.B. den Berliner Kumpels von meinem Mann geht, die es wirklich sehr schwer hatten und heute noch haben.
Deinen Einwand Yuri verstehe ich also, und ich kann nur versuchen, diese Tatsachen nicht aus den Augen zu verlieren.
Edit: Danke Oceana für Dein Verständnis
LG,
Mowa06/01/2021 um 8:38 Uhr #140121Ich finde es toll und mutig von dir, dich so am Arbeitsplatz so zu „outen“. Ich arbeite ja auch, aber ich hätte nicht denn Mut, die Schizophrenie bekannt zu geben. Mit einer Arbeitsstelle ist man als Schizophreniekranker vielleicht schon privilegiert, aber es geht ja auch nur um EINE Perspektive einer Psychoseerfahrenen und für einige/viele Schizophreniekranke gehört die Arbeit halt zu ihrem Leben.
Prominente setzen sich ja auch manchmal für Minderheiten ein. Die sind dann zwar definitiv privilegiert, aber den Einsatz für Minderheiten finde ich dennoch gut.
06/01/2021 um 10:00 Uhr #140123Mit einer Arbeitsstelle ist man als Schizophreniekranker vielleicht schon privilegiert,
Das ist wohl leider so.
Und viele Menschen sehnen sich nach mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, auch an der Arbeitswelt, und doch fristen viele Menschen ein Schattendasein am Rande unserer Gesellschaft.
Ich finde, das kommt hier auch gut rüber.
Natürlich könnte man noch viel mehr schreiben und dann auch andere Menschen, die weniger priviligiert sind, berücksichtigen. Das wäre dann aber eher etwas für ein Buch, als für einen Artikel.
06/01/2021 um 10:13 Uhr #140128
Anonym
Gelöscht 0821
06/01/2021 um 11:20 Uhr #140134Prominente setzen sich ja auch manchmal für Minderheiten ein. Die sind dann zwar definitiv privilegiert, aber den Einsatz für Minderheiten finde ich dennoch gut.
Wenn Prominente und Unternehmer z.B. Almosen verteilen auf Galaveranstaltungen, geht es oft um Anerkennung und ihre eigene PR. Also, das sehe ich sehr zwiespältig.
es ist sicher so, dass ich immer sehr privilegiert war und als eine Folge davon es heute noch bin.
Ah ja, das hast Du Dir eigentlich auch nicht ausgesucht und Du versuchst der Gesellschaft ja was zurückzugeben nach dem Motto „Adel verpflichtet.“ Ich finde Dein Engagement wirklich toll.
Ich würde beruflich nicht so ohne Weiteres mit meinen Psychosen ums Eck kommen, weil es geschäftsschädigend wäre und meine Kompetenz und Zuverlässigkeit womöglich auf einmal in Frage stehen würden. Außerdem wird das schlicht und einfach nicht von mir erwartet oder verlangt.
06/01/2021 um 12:47 Uhr #140137
Anonym
@yuri welche Laus hat dich denn gebissen? Bist du neidig weil Mowa sich ein gutes Leben aufbauen konnte? Ich freue mich sehr das sie so offen in ihrem Bereich mit ihrer Erkrankung umgeht. Ich bin z.B. arbeitslos in Rehabilationszeit, (denn Frührente gibt es bei uns nicht gleich) und engagiere mich dieses Jahr dann an Schulen zu gehen mit meiner Erkrankung. Vertrete ich damit auch nur wieder einen Teil der Leute.
Ich hoffe du kommst auf dieses sich auf mowa einschießen wieder runter.
LgB
06/01/2021 um 13:40 Uhr #140138@bernadette Nein, wie gesagt, ich gönne ihr das sehr. Wollte nur auf das Gefälle hinweisen und Mowa versteht ja meine Sicht; ihr Mann sieht das ja ebenso kritisch. Abgesehen davon bin ich selbst sehr privilegiert und hätte deshalb keinen Grund, neidig zu sein. Bin froh, dass ich nicht auf mein Recht auf Inklusion/Teilhabe pochen muss und ganz selbstverständlich dazugehöre. Das ist wiederum mein Beitrag zur Entstigmatisierung.
06/01/2021 um 13:58 Uhr #140139Ich freue mich sehr das sie so offen in ihrem Bereich mit ihrer Erkrankung umgeht.
Irgendwie kann ich mir das bei mir eben nicht richtig vorstellen. Ich habe schon früher in einem großen Betrieb gearbeitet und ich dachte mir immer, dass meine Krankheit für andere im Grunde uninteressant ist. So unterschiedlich ist wohl der Umgang damit. ;)
Aber Mowa ist Betriebsratsvorsitzende, da ist sie natürlich prädestiniert für so eine Arbeit und sie muss für die Rechte der Benachteiligten kämpfen und ich finde das hervorragend, wie sie das macht und bin froh über ihren Einsatz. Und vielleicht ist sie ja auch dankbar für manch konstruktive Kritik, wenn sie schon „danke“ sagt.
06/01/2021 um 15:52 Uhr #140144welche Laus hat dich denn gebissen?
Nein, ich glaub, mein Schwein pfeift.
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One thought on “Notizen von Mowa”
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