Notizen von Mowa

  • Dieses Thema hat 3129 Antworten sowie 60 Teilnehmer und wurde zuletzt vor vor 5 Jahren von Mowa aktualisiert.
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  • #137691

    Danke schön liebe @Oceana und liebe @Bernadette :heart:

    Jetzt habe ich den ersten Entwurf für meinen Beitrag geschrieben. Ich bin mir noch gar nicht sicher, ob er so bleibt:
    ____________
    Inklusion – Ein persönlicher Erfahrungsbericht
    Von Mowa

    Psychische Belastungen gibt es überall im Alltag, und je nach Intensität und Dauer können sie für jeden Menschen krankmachend sein. Um so wichtiger ist eine Initiative wie das „Mental Health Collective“ der *** (Abk. „MHC“), die sich für die Förderung der psychischen Gesundheit aller Mitarbeitenden einsetzt (1). Das MHC wurde im Februar 2020 von vier jungen wissenschaftlichen Mitarbeitenden gegründet: ***. Erst im Oktober 2020 hat das MHC die *** mit großem Erfolg veranstaltet, mit mehr als 1100 Teilnahmen an diversen Vorträgen und Seminaren zum Thema psychische Gesundheit. Zweiwöchentlich findet auch die *** statt, die einen offenen Austausch im geschützten Raum über psychisch belastende Erfahrungen ermöglicht. Weitere Unterstützungen dieser bislang noch ehrenamtlichen Initiative mit ihren vielen Ideen für zukünftige Projekte bleiben unverzichtbar. Eine Arbeitskultur, die hinsichtlich der psychischen Gesundheit und der Erkrankung offen ist, bedarf einer aktiven Mitwirkung nicht nur von uns Mitarbeitenden, sondern vor allem auch vom Präsidenten *** als Leiter der ***. Im Folgenden möchte ich von meinen persönlichen Erfahrungen berichten und mich als Mitarbeiterin der *** und als Betroffene mit einer psychischen Erkrankung erkenntlich zeigen. Ich hoffe, sowohl Betroffene als auch Nichtbetroffene dazu einladen zu können, eigenes Stigma zu überdenken und selbst zum Abbau beizutragen.

    Im November 2010, als ich aus meinem ersten Psychiatrieaufenthalt entlassen wurde, kam ich mir wie eine Außerirdische vor. Alles um mich herum war grell, rau und fremd. Ich konnte nicht begreifen, was mit mir passiert war. „Paranoide Schizophrenie, Erstmanifestation (ICD-10: F20.0)“ – was bedeutete das? Mitten in der geschäftigen Altstadt von Freiburg im Breisgau, wo ich das Jahr zuvor als Medizinstudentin im Zweitstudium verbrachte, nahm meine kleine Schwester meine Hand und half mir über die Straße. „Was sind Ihre Visionen der nächsten 10 Jahre?“, wurde ich einige Monate später gefragt, im Bewerbungsgespräch bei einer Nichtregierungsorganisation, die sich mit Ökologie und Nachhaltigkeit befasste. In diesem Augenblick wusste ich nur, dass ich im letzten Sommer einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, der Psychose hieß, dass ich ein Medikament einnahm, das Neuroleptikum hieß, dass es mir etwas besser ging und ich nicht mehr nur bettlägerig war, dass mein Kopf sich wie eingegipst anfühlte und meine Gedanken und Gefühle wie verschüttet waren, dass ich Adipositas bekam. Sprachlos und verlegen, verabschiedete ich mich.

    Seit diesem Tag kam es schon mal vor, dass ich mir ausgemalt habe, was ich hätte alles noch ohne meine Erkrankung und als Nachwuchswissenschaftlerin erleben können. Und doch habe ich so viel in Fülle erlebt und gelernt, was es bedeuten kann ein Mensch zu sein. Daher denke ich nicht, etwas verpasst zu haben oder verpassen zu werden. Hätte ich dies damals geahnt, hätte ich bestimmt geantwortet: „Mein großer Traum ist, dass immer mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen ein so hohes Maß an Inklusion erfahren wie ich selbst“. Mit Inklusion meine ich vor allem meine Arbeit für die Abteilung von Prof. ***, zuerst am *** in *** und dann am *** in ***. Erst durch die Sicherheit, die mir meine Arbeit gab, konnte ich meinen Genesungsprozess einleiten und diesen aufrechterhalten: Finanziell kann ich für mich selbst sorgen; bin von Menschen umgeben, die mich und meine Arbeit wertschätzen; habe eine Tagesstruktur. Darüber hinaus wurden mir Freiheiten gewährt, und ich konnte meine Arbeit inhaltlich weitgehend selbst gestalten, sei es im First Level IT-Support, in Forschungsprojekten, und inzwischen auch im Betriebsrat und Gesamtbetriebsrat. Meine beiden Rückfälle im Frühjahr 2018 und 2019, bei denen ich mit akuten Symptomen wie Hypomanie und Wahn teilweise auch auf der Arbeit war, haben nicht dazu geführt, dass ich ausgegrenzt oder gekündigt wurde. Im Gegenteil, ich habe weiterhin Geduld und Unterstützungen erfahren.

    Dass es Stigma, Vorurteile und diskriminierendes Verhalten bei psychischen Erkrankungen gibt, schließen meine persönlichen Erfahrungen natürlich nicht aus. So geht es mir auch z.B. mit Rassismus. Nur weil ich selbst keine offenen Anfeindungen und Diskriminierungen aufgrund meiner Herkunft und der sonstigen Merkmale erlebt habe, bedeutet es nicht, dass es nirgendwo Rassismus gibt. Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen leben mit schweren Krankheitsverläufen und medikamentösen Nebenwirkungen, haben Schicksalsschläge und existentielle Krisen überlebt. Und viele Menschen sehnen sich nach mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, auch an der Arbeitswelt, und doch fristen viele Menschen ein Schattendasein am Rande unserer Gesellschaft. „Haben Sie schon mal von der UN-Behindertenrechtskonvention gehört? Menschen mit psychischen Erkrankungen haben ein Recht auf Arbeit. Es geht nicht um Mitleid oder Almosen, wenn sie arbeiten wollen“. Das waren die einprägsamen Worte von Prof. Nicolas Rüsch, Psychiater und Stigmaforscher am Universitätsklinikum in Ulm, die mich ins Staunen versetzten (2). Dieses Selbstbewusstsein und Selbstverständnis wünsche ich mir zuerst für mich selbst, sind doch meine Leistungen erheblich eingeschränkt, im Vergleich zu früher, vor meiner Erkrankung? Wie passt das zusammen mit dem Vorzeigebild der *** , mit ihrer Spitzenleistung und Exzellenzforschung?

    Die Frage nach der eigenen Identität: „Was und wie bin ich und warum?“ beschäftigt sicher jeden Menschen sein Leben lang, mal mehr, mal weniger. Bis ich selbst erkrankte, hatte ich keine Berührungen mit psychischen Erkrankungen. Mir fehlte das Wissen komplett, wie sehr psychische Erkrankungen gesellschaftlich stigmatisiert werden. Vor einigen Jahren bezeichnete ich mich einmal selbst als „Psycho“ und meinte es wertefrei, und doch wurde ich von einer langjährigen Freundin, die nicht von psychischen Erkrankungen betroffen ist, sofort korrigiert: „Sage bitte so etwas nicht über dich!“. Erst später habe ich verstanden, warum meine Freundin so schockiert war und dass die Bezeichnung „Psycho“ Stereotype von Menschen mit psychischen Erkrankungen implizierte, wie etwa: schwach; faul; aggressiv; unberechenbar – und einfach nicht normal! Was normal sein sollte, fiel mir schon immer schwer zu begreifen, auch im Kindergarten. Ich sehe mich selbst als das normalste Individuum meiner Welt und kann es mir kaum vorstellen, dass es für meine Mitmenschen anders sein könnte. In der *** treffen Menschen mit verschiedensten Lebenserfahrungen, Überzeugungen und Fähigkeiten zusammen und arbeiten gemeinsam im Dienste der Wissenschaft, für die Allgemeinheit. Jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum, und wir alle können einander respektieren, voneinander lernen und uns gegenseitig bereichern. Genau darin besteht für mich die Exzellenz. Ich bin stolz, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

    Referenzen
    (1) ***
    (2) Persönliche Kommunikation. Siehe auch: Nicolas Rüsch, Das Stigma psychischer Erkrankung: Strategien gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, Urban & Fischer/Elsevier, München, 1. Aufl. 2021, 332 Seiten.

    • Diese Antwort wurde geändert vor 5 Jahren, 1 Monat von Moderator. Grund: Auf Wunsch der Autorin *** eingefügt
    #137713

    Dein Artikel liest sich für mich erstmal ganz gut und sehr offen. Ich bin gerade allerdings ziemlich müde und konnte mich gerade nur mit Hilfe von Musik konzentrieren. Vielleicht fällt mir später noch mehr ein.

    Meine beiden Rückfälle im Frühjahr 2018 und 2019, bei denen ich mit akuten Symptomen wie Hypomanie und Wahn teilweise auch auf der Arbeit war, haben nicht dazu geführt, dass ich ausgegrenzt oder gekündigt wurde. Im Gegenteil, ich habe weiterhin Geduld und Unterstützungen erfahren.

    Ich weiß nicht, ob du mit solchen Aussagen nicht deine Arbeitsstelle gefährdest.

    #137714

    Hallo @Mowa

    Dein Artikel gefällt mir gut.Sehr informativ.

    Ich stimme @Dopplereffekt zu mit dem obigen Absatz das der ev.deinen Arbeitsplatz gefährden könnte.Ich bin aber in dieser Hinsicht eh ein Feigling.

    Höre auf dein Bauchgefühl.

    MHC finde ich toll was die so auf die Beine gestellt haben.

    Ich persönlich habe schlechte Erfahrung mit Unterstützung seitens des Arbeitgebers gemacht. Bin daher vorbelastet und voreingenommen.

    Aber ich hätte so einen Artikel nicht schreiben können …Hut ab Mowa.

    Bin mal gespannt was die anderen so dazu schreiben.

    Lieben Gruß Oceana

     

    #137740

    Hätte ich einen normalen Arbeitsplatz, würde ich mich so etwas nicht trauen.

    Bei psychischer Erkrankung geht es ja nicht nur um die von dir genannten Eigenschaften, sondern in Hinsicht auf die Zusammenarbeit im Betrieb vor allem auch um Mangel an Leistungsfähigkeit und Verlässlichkeit. Das trifft leider auf sehr viele psychisch Erkrankte zu und genau darum sind auch viele berentet.

    Natürlich muss das nicht auf dich zutreffen, aber es besteht immer ein Risiko, nach so einem Vortrag in dieser Hinsicht von außen intensiver beäugt zu werden und genau das tut Leuten wie uns gar nicht gut.

    Das kann natürlich auch schon wieder eine paranoide Anwandlung von mir sein… :unsure:

    #137764

    Guten Morgen, danke @Dopplereffekt, @Oceana und @Molly für Eure Rückmeldungen. Sie helfen mir beim Schreiben.

    Ich weiß nicht, ob du mit solchen Aussagen nicht deine Arbeitsstelle gefährdest.

    Das glaube ich eher nicht, das sind ja „nur“ Fakten, was passiert war. Aber ich warte auch auf die Rückmeldung von meinem Chef, ob ich den Wortlaut so stehen lassen kann. Hier geht es auch darum, ob er und die Institute namentlich genannt werden sollen oder ob ich nur meinen Namen nenne…

    Ich persönlich habe schlechte Erfahrung mit Unterstützung seitens des Arbeitgebers gemacht. Bin daher vorbelastet und voreingenommen.

    Bestimmt teilen viele Betroffene diese Erfahrung. Bei meinem Mann war es ja auch so, dass er zwei Ausbildungen abbrechen musste usw.

    Das trifft leider auf sehr viele psychisch Erkrankte zu und genau darum sind auch viele berentet.

    Das ist bestimmt so, und genau darum geht es ja in der Inklusion. Bei mir sind die Leistungen auch erheblich eingeschränkt (was ich in diesem Beitrag auch geschrieben habe) und trotzdem wurde ich integriert und gefördert.

    Und wie Herr Rüsch sagte, geht es um ein Recht, nicht um Mitleid oder Almosen. Ich finde, dass es sehr wichtig ist, dass wir alle das realisieren, ob als Betroffene oder als Nichtbetroffene.

    Von Herrn Rüsch habe ich zwei Bemerkungen bekommen, einmal den Wortlaut „eigenes Stigma“ abändern, weil es zu hart klingt, und dann auch was seine Zugehörigkeit zur Universität betrifft. Ansonsten hat er mir geschrieben, dass er den Text „gut und klar“ findet. Ich bin erleichtert, dass er nicht entsetzt o.ä. ist.

    Jetzt habe ich den Entwurf aktualisiert, mit mehr Absätzen und leichten Änderungen. Hoffentlich habe ich jetzt die Sternchen richtig gesetzt…

    #137765

    Inklusion – Ein persönlicher Erfahrungsbericht
    Von Mowa

    Psychische Belastungen gibt es überall im Alltag, und je nach Intensität und Dauer können sie für jeden Menschen krankmachend sein. Um so wichtiger ist eine Initiative wie das „Mental Health Collective“ der *** (Abk. „MHC“), die sich für die Förderung der psychischen Gesundheit aller Mitarbeitenden einsetzt (1). Das MHC wurde im Februar 2020 von vier jungen wissenschaftlichen Mitarbeitenden gegründet: ***

    Erst im Oktober 2020 hat das MHC die *** mit großem Erfolg veranstaltet, mit mehr als 1100 Teilnahmen an diversen Vorträgen und Seminaren zum Thema psychische Gesundheit. Zweiwöchentlich findet auch die *** statt, die einen offenen Austausch im geschützten Raum über psychisch belastende Erfahrungen ermöglicht. Eine Arbeitskultur, die hinsichtlich der psychischen Gesundheit und der Erkrankung offen ist, bedarf einer aktiven Mitwirkung nicht nur von uns Mitarbeitenden, sondern vor allem auch vom Präsidenten Prof. *** als Leiter der ***. Weitere Unterstützungen dieser bislang noch ehrenamtlichen Initiative mit ihren vielen Ideen für zukünftige Projekte bleiben unverzichtbar.

    Im Folgenden möchte ich von meinen persönlichen Erfahrungen berichten und mich als Mitarbeiterin der *** und als Betroffene mit einer psychischen Erkrankung erkenntlich zeigen. Ich hoffe, sowohl Betroffene als auch Nichtbetroffene dazu einladen zu können, eigene Haltungen zu überdenken und selbst zum Stigma-Abbau beizutragen.

    Im November 2010, als ich aus meinem ersten Psychiatrieaufenthalt entlassen wurde, kam ich mir wie eine Außerirdische vor. Alles um mich herum war grell, rau und fremd. Ich konnte nicht begreifen, was mit mir passiert war. „Paranoide Schizophrenie, Erstmanifestation (ICD-10: F20.0)“ – was bedeutete das? Mitten in der geschäftigen Altstadt von Freiburg im Breisgau, wo ich das Jahr zuvor als Medizinstudentin im Zweitstudium verbrachte, nahm meine kleine Schwester meine Hand und half mir über die Straße.

    „Was sind Ihre Visionen der nächsten 10 Jahre?“, wurde ich einige Monate später gefragt, im Bewerbungsgespräch bei einer Nichtregierungsorganisation, die sich mit Ökologie und Nachhaltigkeit befasste. In diesem Augenblick wusste ich nur, dass ich im letzten Sommer einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, der Psychose hieß; dass ich ein Medikament einnahm, das Neuroleptikum hieß; dass es mir etwas besser ging und ich nicht mehr nur bettlägerig war; dass mein Kopf sich wie eingegipst anfühlte und meine Gedanken und Gefühle wie verschüttet waren; dass ich Adipositas bekam. Sprachlos und verlegen, verabschiedete ich mich.

    Seit diesem Tag kam es schon mal vor, dass ich mir ausmalte, was ich hätte alles noch ohne meine Erkrankung und als Nachwuchswissenschaftlerin erleben können. Und doch habe ich so viel in Fülle erlebt und gelernt, was es bedeuten kann ein Mensch zu sein. Daher denke ich nicht, etwas verpasst zu haben oder verpassen zu werden. Hätte ich dies damals geahnt, hätte ich bestimmt geantwortet: „Mein großer Traum ist, dass immer mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen ein so hohes Maß an Inklusion erfahren wie ich selbst“. Mit Inklusion meine ich vor allem meine Arbeit für die Abteilung von Prof. ***, zuerst am ** in *** und dann am *** in ***.

    Erst durch die Sicherheit, die mir meine Arbeit gab, konnte ich meinen Genesungsprozess einleiten und diesen aufrechterhalten: Finanziell kann ich für mich selbst sorgen; bin von Menschen umgeben, die mich und meine Arbeit wertschätzen; habe eine Tagesstruktur. Darüber hinaus wurden mir Freiheiten gewährt, und ich konnte meine Arbeit inhaltlich weitgehend selbst gestalten, sei es im First Level IT-Support, in Forschungsprojekten, und inzwischen auch im Betriebsrat und Gesamtbetriebsrat. Meine beiden Rückfälle im Frühjahr 2018 und 2019, bei denen ich mit akuten Symptomen wie Hypomanie und Wahn teilweise auch auf der Arbeit war, haben nicht dazu geführt, dass ich ausgegrenzt oder gekündigt wurde. Im Gegenteil, ich habe weiterhin Geduld und Unterstützungen erfahren.

    Dass es Stigma, Vorurteile und diskriminierendes Verhalten bei psychischen Erkrankungen gibt, schließen meine persönlichen Erfahrungen natürlich nicht aus. So geht es mir auch z.B. mit Rassismus. Nur weil ich selbst keine offenen Anfeindungen und Diskriminierungen aufgrund meiner Herkunft und der sonstigen Merkmale erlebt habe, bedeutet es nicht, dass es nirgendwo Rassismus gibt. Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen leben mit schweren Krankheitsverläufen und medikamentösen Nebenwirkungen, haben Schicksalsschläge und existentielle Krisen überlebt. Und viele Menschen sehnen sich nach mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, auch an der Arbeitswelt, und doch fristen viele Menschen ein Schattendasein am Rande unserer Gesellschaft.

    „Haben Sie schon mal von der UN-Behindertenrechtskonvention gehört? Menschen mit psychischen Erkrankungen haben ein Recht auf Arbeit. Es geht nicht um Mitleid oder Almosen, wenn sie arbeiten wollen“. Das waren die einprägsamen Worte von Prof. Nicolas Rüsch, Psychiater und Stigma-Forscher an der Universität in Ulm, die mich ins Staunen versetzten (2). Dieses Selbstbewusstsein und Selbstverständnis wünsche ich mir zuerst für mich selbst, sind doch meine Leistungen erheblich eingeschränkt, im Vergleich zu früher, vor meiner Erkrankung? Wie passt das zusammen mit dem Vorzeigebild der ***, mit ihrer Spitzenleistung und Exzellenzforschung?

    Bis ich selbst erkrankte, hatte ich keine Berührungen mit psychischen Erkrankungen. Mir fehlte das Wissen komplett, wie sehr psychische Erkrankungen gesellschaftlich stigmatisiert werden. Vor einigen Jahren bezeichnete ich mich einmal selbst als „Psycho“ und meinte es wertefrei, und doch wurde ich von einer langjährigen Freundin, die nicht von psychischen Erkrankungen betroffen ist, sofort korrigiert: „Sage bitte so etwas nicht über dich!“.

    Erst später habe ich verstanden, warum meine Freundin so schockiert war und dass die Bezeichnung „Psycho“ Stereotype von Menschen mit psychischen Erkrankungen implizierte, wie etwa: schwach; faul; aggressiv; unberechenbar – und einfach nicht normal! Die Frage nach der eigenen Identität: „Was und wie bin ich und warum?“ beschäftigt sicher jeden Menschen sein Leben lang, mal mehr, mal weniger. Was normal sein sollte, fiel mir schon immer schwer zu begreifen, auch im Kindergarten. Ich sehe mich selbst als das normalste Individuum meiner Welt und kann es mir kaum vorstellen, dass es für meine Mitmenschen anders sein könnte.

    In der *** treffen Menschen mit verschiedensten Lebenserfahrungen, Überzeugungen und Fähigkeiten zusammen und arbeiten gemeinsam im Dienste der Wissenschaft, für die Allgemeinheit. Jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum, und wir alle können einander respektieren, voneinander lernen und uns gegenseitig bereichern. Genau darin besteht für mich die Exzellenz. Ich bin stolz, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

    Referenzen
    (1) ***
    (2) Persönliche Kommunikation. Siehe auch: Nicolas Rüsch, Das Stigma psychischer Erkrankung: Strategien gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, Urban & Fischer/Elsevier, München, 1. Aufl. 2021, 332 Seiten.

    #137861

    Hallo @Mowa, ich wünsche dir und deinem Mann auch angenehme Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. :bye:

    #137874

    Danke schön @xrth :bye:

    Mein Mann hat mich mit unserem Weihnachtsbaum fotografiert. Das ist unser Chenchen-Baum. Chenchen war mein/unser Goldhamster, und als wir ihn im April 2017 auf dem Berg begraben haben, haben wir so eine Babykiefer mitgenommen. Am Grab wuchsen ganz viele kleine Kieferbäumchen. Inzwischen ist der Chenchen-Baum so groß geworden, dass wir die kleine Lichterkette angebracht haben.

    #137896

    Euch noch schöne Feiertage.

    Lieben Gruss :bye:

    #137898
    Anonym

      Der Baum ist ja niedlich und hat auch noch eine Geschichte dazu. Schönen Weihnachtsabend dir. LgB

      #137976

      Danke schön liebe @Blumenduft und liebe @Bernadette :heart:

      So, heute backe ich Brot und bereite das Weihnachtsessen vor.

      Mit dem Einkaufen waren wir sehr spät dran, und leider waren die Peking-Ente von Alnatura vergriffen. Stattdessen haben wir ein ganzes Bio-Hähnchen geholt, und bereiten es wie eine Ente zu ;-) Dazu mache ich noch Apfelrotkohl, Rosenkohl und Kartoffelknödeln.

      Plätzchen haben wir auch eingekauft. Selbst backen wäre mir zu stressig geworden. Dafür habe ich die Tage mehr freie Zeit, und das ist auch viel wert!

      Den Entwurf für meinen Beitrag habe ich seit gestern wieder mehrfach aktualisiert. Langsam habe ich das Gefühl, dass der Text so stehen bleiben kann. Etwas kürzen sollte ich ihn eventuell noch, jetzt bin ich bei ca. 7500 Zeichen, d.h. 500 Zeichen drüber… :scratch:

      #137977

      Inklusion – Ein persönlicher Erfahrungsbericht
      Von Mowa

      Psychische Belastungen gibt es überall im Alltag, und je nach Intensität und Dauer können sie jeden Menschen krank machen. Um so wichtiger ist eine Initiative wie das „Mental Health Collective“ der *** (Abk. „MHC“), die sich für die Förderung der psychischen Gesundheit aller Mitarbeitenden einsetzt (1). Das MHC wurde im Februar 2020 von vier jungen wissenschaftlichen Mitarbeitenden gegründet: ***.

      Erst im Oktober 2020 hat das MHC die *** mit großem Erfolg veranstaltet, mit mehr als 1100 Teilnahmen an diversen Vorträgen und Seminaren zum Thema psychische Gesundheit. Zweiwöchentlich findet auch die *** statt, die einen offenen Austausch im geschützten Raum über psychisch belastende Erfahrungen ermöglicht. Eine Arbeitskultur, die hinsichtlich der psychischen Gesundheit und der Erkrankung offen ist, bedarf einer aktiven Mitwirkung nicht nur von uns Mitarbeitenden, sondern vor allem auch vom Präsidenten Prof. *** als der Leiter der ***. Weitere Unterstützungen dieser bislang noch ehrenamtlichen Initiative mit ihren vielen Ideen für zukünftige Projekte bleiben unverzichtbar.

      Im Folgenden möchte ich von meinen persönlichen Erfahrungen berichten und mich als Mitarbeiterin der *** und als Betroffene mit einer psychischen Erkrankung erkenntlich zeigen. Ich hoffe, sowohl Betroffene als auch Nichtbetroffene dazu einladen zu können, eigene Haltungen zu überdenken und selbst zum Stigma-Abbau beizutragen.

      Im November 2010, als ich aus meinem ersten Psychiatrieaufenthalt entlassen wurde, kam ich mir wie eine Außerirdische vor. Alles um mich herum war grell, rau und fremd. Ich konnte nicht fassen, was mit mir passiert war. „Paranoide Schizophrenie, Erstmanifestation (ICD-10: F20.0)“ – was bedeutete das? Mitten in der geschäftigen Altstadt von Freiburg i. Br., wo ich das Jahr zuvor als Medizinstudentin im Zweitstudium verbrachte, nahm meine kleine Schwester meine Hand und half mir über die Straße.

      „Was sind Ihre Visionen der nächsten 10 Jahre?“, wurde ich einige Monate später gefragt, im Bewerbungsgespräch bei einer NGO, die sich mit Ökologie und Nachhaltigkeit befasste. In diesem Augenblick wusste ich nur, dass ich im letzten Sommer einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, der Psychose hieß; dass ich ein Medikament einnahm, das Neuroleptikum hieß; dass es mir etwas besser ging und ich nicht mehr nur bettlägerig war; dass mein Kopf sich wie eingegipst anfühlte und meine Gedanken und Gefühle wie verschüttet waren; dass ich Adipositas bekam. Sprachlos und verlegen, verabschiedete ich mich.

      Seit diesem Tag kam es schon mal vor, dass ich mir ausmalte, was ich hätte alles noch ohne meine Erkrankung und als Nachwuchswissenschaftlerin erleben können. Und doch habe ich so viel in Fülle erlebt und gelernt, was es bedeuten kann ein Mensch zu sein. Daher denke ich nicht, etwas verpasst zu haben oder verpassen zu werden. Hätte ich dies damals geahnt, hätte ich bestimmt geantwortet: „Mein großer Traum ist, dass immer mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen ein so hohes Maß an Inklusion erfahren wie ich selbst“. Mit Inklusion meine ich vor allem meine Arbeit für die Abteilung von Prof. ***, zuerst am *** in *** und dann am *** in ***.

      Erst durch die Sicherheit, die mir meine Arbeit gab, konnte ich meinen Genesungsprozess einleiten und diesen aufrechterhalten: Finanziell kann ich für mich selbst sorgen; bin von Menschen umgeben, die mich und meine Arbeit wertschätzen; habe eine Tagesstruktur. Darüber hinaus wurden mir Freiheiten gewährt, und ich konnte meine Arbeit inhaltlich weitgehend selbst gestalten, sei es im IT-Support, in Forschungsprojekten, und inzwischen auch im Betriebsrat und Gesamtbetriebsrat. Meine beiden Rückfälle im Frühjahr 2018 und 2019, bei denen ich mit akuten Symptomen wie Hypomanie und Wahn teilweise auch auf der Arbeit war, haben nicht dazu geführt, dass ich ausgegrenzt oder gekündigt wurde. Im Gegenteil, ich habe weiterhin Geduld und Unterstützungen erfahren.

      Dass es Stigma, Vorurteile und diskriminierendes Verhalten bei psychischen Erkrankungen gibt, schließen meine persönlichen Erfahrungen natürlich nicht aus. So geht es mir auch z.B. mit Rassismus. Nur weil ich selbst keine offenen Anfeindungen und Diskriminierungen aufgrund meiner Herkunft und der sonstigen Merkmale erlebt habe, bedeutet es nicht, dass es keinen Rassismus gibt. Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen leben mit schweren Krankheitsverläufen und medikamentösen Nebenwirkungen, haben Schicksalsschläge und existenzielle Krisen überlebt. Und viele Menschen sehnen sich nach mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, auch an der Arbeitswelt, und doch fristen viele Menschen ein Schattendasein am Rande unserer Gesellschaft.

      „Haben Sie schon mal von der UN-Behindertenrechtskonvention gehört? Menschen mit psychischen Erkrankungen haben ein Recht auf Arbeit. Es geht nicht um Mitleid oder Almosen, wenn sie arbeiten wollen“. Das waren die einprägsamen Worte von Prof. Nicolas Rüsch, Psychiater und Stigma-Forscher an der Universität in Ulm, die mich ins Staunen versetzten (2). Dieses Selbstbewusstsein und Selbstverständnis wünsche ich mir zuerst für mich selbst, sind doch meine Leistungen erheblich eingeschränkt, im Vergleich zu früher, vor meiner Erkrankung? Wie passt das zusammen mit dem Vorzeigebild der ***, mit ihrer Spitzenleistung und Exzellenzforschung?

      Bis ich selbst erkrankte, hatte ich keine Berührungen mit psychischen Erkrankungen. Mir fehlte das Wissen völlig, wie sehr psychische Erkrankungen gesellschaftlich stigmatisiert werden. Vor einigen Jahren bezeichnete ich mich einmal selbst als „Psycho“ und meinte es wertfrei, und doch wurde ich von einer langjährigen Freundin, die nicht von psychischen Erkrankungen betroffen ist, sofort korrigiert: „Sage bitte so etwas nicht über dich!“. Erst später habe ich verstanden, warum meine Freundin so schockiert war und dass die Bezeichnung „Psycho“ Stereotype von Menschen mit psychischen Erkrankungen implizierte, wie etwa: schwach; faul; aggressiv; unberechenbar – und einfach nicht normal!

      Die Frage nach der eigenen Identität: „Was und wie bin ich und warum?“ beschäftigt sicher jeden Menschen sein Leben lang, mal mehr, mal weniger. Was normal sein sollte, fiel mir schon immer schwer zu begreifen, auch im Kindergarten. Ich sehe mich selbst als das normalste Individuum meiner Welt und kann es mir kaum vorstellen, dass meine Mitmenschen über sich selbst anders denken könnten.

      In der *** treffen Menschen mit verschiedensten Lebenserfahrungen, Überzeugungen und Fähigkeiten zusammen und arbeiten gemeinsam im Dienste der Wissenschaft, für die Allgemeinheit. Jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum, und wir alle können voneinander lernen, uns gegenseitig bereichern und einander respektieren. Genau darin besteht für mich die Exzellenz. Ich bin stolz, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

      Referenzen:
      (1) ***
      (2) Persönliche Kommunikation. Siehe auch: Nicolas Rüsch, Das Stigma psychischer Erkrankung: Strategien gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, Urban & Fischer/Elsevier, München, 1. Aufl. 2021, 332 Seiten.

      #137984

      Glückwunsch, liebe @Mowa, zu so langer psychosefreier Zeit im Selbstversuch.

      lg, DiBa

      • Diese Antwort wurde vor 5 Jahren, 1 Monat von DiBaDu geändert.
      #137986

      „Ich hoffe, sowohl Betroffene als auch Nichtbetroffene dazu einladen zu können, eigene Haltungen zu überdenken und selbst zum Stigma-Abbau beizutragen.“

      Einfach nur Bravo ❗liebe @Mowa!

      Wirklich inhaltlich sehr klar und gut sortiert. Auch mit deinem persönlichen Outing bleibst du souverän!

      Danke dafür! :good:


      I like cats and coffee…
      and maybe 3 people.

      #137988
      Anonym

        Hallo @mowa,

        Sehe gerade deine Beiträge nicht, wollte dich aber trotzdem fragen wieder Heiligabend gestern verlaufenes mit deinem Mann.

        Was gibt es jetzt zu den weihnachtsfeiertagen bei euch zu essen?

        Ich wünsche euch einen schönen Tag! :rose:

        LG Rispi

      Ansicht von 15 Beiträgen – 2911 bis 2925 (von insgesamt 3109)
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      One thought on “Notizen von Mowa”

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