Gene bei psychischen Leiden nicht wichtig – UMC Utrecht (Studie)

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  • #240418
    Pia

      Gene bei psychischen Leiden nicht wichtig – UMC Utrecht (UMC = University Medical Center) 20.07.2020

      (Mit Link unten im Text zur gesamten Studie unter hier im letzten Absatz) Englisch

      In den letzten Jahrzehnten hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass schwere psychische Leiden – wie Schizophrenie, Autismus oder Depression – biologisch bedingt seien; durch genetische Varianten. Untersuchungen von Jim van Os, Professor für psychische Gesundheit an der UMC Utrecht, zeigen, dass dies nur in begrenztem Umfang der Fall ist. „Umweltfaktoren spielen eine viel größere Rolle. Vor allem soziale Frustration und Kindheitstraumata erhöhen das Risiko schwerer psychischer Leiden.“

      Da schwere psychische Erkrankungen in manchen Familien viel häufiger vorkommen als in anderen, schien eine genetische Beteiligung naheliegend. In die Forschung dazu wurden in den vergangenen Jahrzehnten weltweit Hunderte Millionen Euro investiert. Tatsächlich wurde eine betroffene genetische Variante nach der anderen gefunden. „Tausende Varianten wurden gefunden, die alle einen Mini-Effekt haben. In großen Kohorten von Hunderttausenden von Patienten erscheinen die gefundenen Varianten schnell statistisch signifikant, was die Begeisterung nur noch weiter anheizte. Aber jeder Mensch hat einen guten Teil dieser tausend genetischen Varianten – was genau bedeutet das also?“, fragte sich Jim.

      Ursachen gesucht

      „Um diese Frage zu beantworten, haben wir zehn Jahre lang eine große Gruppe gewöhnlicher Niederländer begleitet.“ Die Gene der Teilnehmer wurden im Neurogenetiklabor der UMC Utrecht kartiert und im Laufe der Jahre mehrmals befragt. Sie beantworteten Fragen zu ihrer Familie, ihren Erfahrungen, Bildungsstand, Gesundheit, Beziehungen, Drogenkonsum, Arbeitslosigkeit und Einkommen. Ein erheblicher Teil von ihnen (mehr als 20 %) entwickelte im Verlauf der Studie erhebliche psychische Belastungen. Anhand der gesammelten Daten prüften die Forscher, ob dies auf eine Ursache zurückgeführt werden kann. Das ist etwa zwanzig Prozent erfolgreich. Jim: „Eigentlich sind zwanzig Prozent noch viel, denn psychisches Leiden hat alles mit unserer Menschlichkeit, unseren Gefühlen, unserem Verhalten zu tun; all das ist nicht so vorhersehbar.“

      Ergebnisse

      Ein Fünftel der Schwankungen bei schwerem psychischem Leiden lässt sich also auf einen kausalen Faktor zurückführen. Und von diesem einen Fünftel konnte nur ein winziger Bruchteil – drei Prozent – ​​auf genetische Variationen zurückgeführt werden. Auch der Konsum von Cannabis – der oft als biologischer Auslöser von beispielsweise Psychosen angesehen wird – hatte einen geringen Einfluss. Die beiden größten Faktoren waren Kindheitstraumata und soziale Frustration mit etwa 30 % bzw. 20 %. Soziale Frustration bedeutet beispielsweise, dass zwischen dem gewünschten und dem wahrgenommenen sozialen Status ein großer Unterschied besteht.

      Dieses Ergebnis überrascht Jim nicht. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles strahlt: Erfolg ist eine Entscheidung. Alles deutet in diese Richtung. Unsere Kinder werden ständig auf diesen individuellen Erfolg vorbereitet. Das macht viel Druck. Wenn dieser Erfolg ausbleibt, sehen das viele als Misserfolg an. Damit können wir oft nur schwer umgehen und das scheint ein relativ häufiger Grund für psychische Leiden zu sein.“

      Informelles Kastensystem

      Psychisches Leiden findet sich also kaum in der Genetik, wie man sie heute kennt, sondern in Umweltfaktoren und sozialen Umständen. Dass es in bestimmten Familien häufiger vorkommt als in anderen, lässt sich laut Jim auch ohne Genetik erklären. „Familienmitglieder leben oft in ähnlichen Verhältnissen. Erwachsene mit Kindheitstraumata geben es oft unbeabsichtigt an ihre Kinder weiter und unsere soziale und ethnische Schichtung, oder besser gesagt unser informelles Kastensystem, ist schwer zu durchbrechen.“

      Die Studie befasste sich auch mit den verschiedenen Formen des psychischen Leidens. Es war bereits klar, dass die genetischen Varianten, die auf Schizophrenie hinzuweisen schienen, weitgehend den Varianten entsprechen, die an Depressionen oder Autismus beteiligt zu sein scheinen. Auch diese Recherche zeigt keine deutlichen Unterschiede, weshalb Jim den Überbegriff des psychischen Leidens verwendet. „Es wird immer deutlicher, dass das, was wir psychiatrische Störungen oder Störungen nennen, eigentlich keine Störungen oder Störungen sind. Da ist nichts „kaputt“. Die menschliche Spezies hat eine breite Palette von Merkmalen mit einem breiten Anwendungsbereich. Die meisten Menschen haben diese Eigenschaften in einem Ausmaß, das relativ nahe an der Mitte liegt. Aber es gibt auch Menschen an beiden Enden des Spektrums.

      Prävention und Resilienz

      Die Tatsache, dass der Suche nach genetischen Ursachen so viel Forschung gewidmet wurde, ist laut Jim keine Geldverschwendung. „Das war ein logischer Gedanke. Es hat auch viel gebracht, vor allem aber in der Neurologie. Wir hofften auch, Behandlungen für ernsthaftes psychisches Leiden durch Genetik zu finden, aber wir hatten keinen Erfolg. Wir sind den Drogen nicht näher gekommen, wir werden sie los. Das Letzte, was Sie wollen, ist, soziale Ungleichheit zu medikalisieren.“ Deshalb glaubt der Professor, dass Investitionen jetzt auf andere Weise benötigt werden. „Unsere geistige Gesundheit hängt nicht davon ab, ein hohes Anspruchsniveau zu erreichen, sondern von Verbindung, positiven Emotionen und Dankbarkeit. Wir sollten die Psychiatrie als eine Form der öffentlichen Gesundheit sehen. Das erreicht man, wenn man sein Geld in Prävention und Resilienz investiert.“

      Jim hat eine klare Vorstellung davon, wie wir aus sozialer Sicht mit unserem psychischen Wohlbefinden umgehen sollten. „Einerseits sollten wir den Kindern in der Schule weniger die Bedeutung des individuellen Erfolgs, sondern mehr die Bedeutung von Verbundenheit und Resilienz vermitteln. Also Vorbeugung. Sich darauf zu konzentrieren, kann den Unterschied ausmachen. Gleichzeitig gehen wir zu einer anderen Art der Behandlung schwerer psychischer Leiden über. Auch der Therapeut muss in erster Linie in die Beziehung investieren, in die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen. Anstatt Menschen zur Behandlung aus ihrer Umgebung zu nehmen, sollten wir mehr tun, um sie zu versorgen. In ihrer eigenen Nachbarschaft. Neue Methoden basieren darauf, um einen Patienten herum ein Versorgungsnetzwerk zu organisieren, in dem nicht nur Psychiater, Psychologen und Krankenschwestern, aber auch erfahrene Mitarbeiter und Angehörige spielen eine wichtige Rolle. Gerade in der Krisensituation. Es ist wichtig, mehr in den Prozess der Resilienzförderung zu investieren. Wichtig ist die Beziehung im Sinne von Zuhören, Empathie, Authentizität und – oft – Konflikte zu führen und gemeinsam zu lösen. Wenn ein Patient das Gefühl hat, wirklich gehört zu werden, wenn er Empathie erlebt, wenn eine Verbindung hergestellt wird, kann die Wirkung der Behandlung – einschließlich der Medikamente – nur Gestalt annehmen.“

      Die Studie Tragen aktuelle Messungen des polygenen Risikos für psychische Störungen zur Bevölkerungsvarianz in der psychischen Gesundheit bei? wurde am 17. Juli 2020 im Schizophrenia Bulletin veröffentlicht. Lesen Sie hier die gesamte Studie. (Englisch)

      Quelle:

      https://www.umcutrecht.nl/nieuws/genen-niet-belangrijk-bij-psychisch-lijden

      Übersetzt mit Smartphone.

      • Dieses Thema wurde geändert vor 2 Monate, 2 Wochen von Pia.
      • Dieses Thema wurde geändert vor 2 Monate, 2 Wochen von Pia.
      #240459

      Super!!!! Vielen Dank.
      Ich weiß das die Zahlen und Ursachen schon seit Jahren schwanken.

      Soziale Frustration bedeutet beispielsweise, dass zwischen dem gewünschten und dem wahrgenommenen sozialen Status ein großer Unterschied besteht.

      Der Satz trifft mich persönlich gerade sehr und ich habe es so noch nie gesehen, bin mir aber gerade ziemlich sicher, dass das bei mir eine sehr zentrale Rolle gespielt hat!! Ich habe während meiner Quarantäne auch noch mal viel reflektiert, als ich Zeit hatte zu lesen, und auch ein bisschen dazu für mich verschriftlich und bin wahrscheinlich wenn ich soweiter schreibe bald in der Lage ein ganzes Buch zu veröffentlichen :mail: mir ist echt auch die letzten Wochen aufgefallen, dass ich einfach Luxusprobleme hatte damals. Vielleicht haben meine Eltern nicht viel Geld zum Studium zu steuern können, aber dafür haben sie mich mit Aufmerksamkeit überschüttet. Vielleicht hatte ich keine Beziehung, aber dafür gute Freundschaften. Eigentlich war meine Psychose viel Wind um nichts

      #240462

      Bei Depressionen würde ich dem Artikel zustimmen, doch Psychosen treten global in jeder Gesellschaft zu ca. 1% auf, dass kann nicht mit einem „informellen Kastensysthem“ zusammen hängen !?

      Ist doch „faszinierend“ dass wir eine Erkrankung haben die sich keiner erklären kann, dass macht das ganze etwas mystisch !?

      • Diese Antwort wurde geändert vor 2 Monate, 2 Wochen von Ludwig.
      #240468

      Genau @ludwig In den 50er Jahren war der Zusammenhalt in der Familie bestimmt noch größer. Allerdings hat man auch früher mehr Alkohol gegen Probleme verwendet. Das liegt nicht nur an den Sozialstrukturen. Der Artikel entlarvt sich selber. Es gibt nach meiner Meinung nur zwei Gründe, warum die Menschen schneller erkranken, neben den Genen. Dies liegt am technischen Fortschritt! Smartphones, Whats App, Facebook und ja auch Foren, oder Roboter, die die Arbeit immer mehr übernehmen und somit die einfach gestrickten Menschen, arbeitstechnisch überflüssig machen und nicht zuletzt auch Turbokapitalismus. Immer höher und weiter! Das Beispiel mit den Foren ist global zu sehen. Wir Psychotiker, die zu 90% sowieso sozial gestört sind, ist natürlich ein Forum das Beste was es gibt!

      #240597
      Pia

        Na, Psychosen gab es auch schon, bevor es überhaupt Technik gab, lieber @Metalhead666 und Psychotiker oder Psychotikerin würde ich mich selbst nie nennen. Das hört sich ja total und dauernd „gestört“ an und wenn man dann noch die Stigmatisierungen betrachtet, was nicht Betroffene dann wohl denken, wenn man von sich behauptet, man wäre Psychotiker.

         

        #240607

        Ja @pia damit hast Du wohl recht! Aber die reizärmerer Umgebung hat wahrscheinlich mehr zur Gesundung getan, als durch die Technik verursachte Überforderung! Das wollte ich damit zum Ausdruck bringen.

        #240625
        Pia

          Das kann natürlich auch sein, @Metalhead666, es gibt ja soviel unterschiedliche Auslöser von Psychosen.

          #240627

          Psychose durch Fernsehen oder Internet habe ich noch nie gehört !?

          #240628
          Pia

            Psychose durch Fernsehen oder Internet habe ich noch nie gehört !?

            Ich denke, im Internet gibt’s genug, was manche Menschen verstören kann wie zum Beispiel Verschwörungstheorien oder viel esoterisches Zeug usw.

            Ich hab auch schon manchmal zufällig was im Internet gelesen, wo ich dachte, das hat sicher ein Mensch in Psychose geschrieben.

            #240629

            Klar @ludwig Vom Fernsehen und vom Internet bekommt man natürlich keine Psychose, aber wenn Du mal überlegst, wie vielen Reizen man ausgeliefert ist, dann kommst Du schon zu der Erkenntnis, dass es auch etwas in einem triggern kann!

            #240636

            @Metalhead666 ich wollte natürlich mit meiner Frage provozieren, aber ich denke dass das Problem mit der Reizüberflutung nicht nur mit unseren neuen Medien zu tun hat !? Z.Bsp. wenn man sich in einer Menschenmenge vorwärts bewegt oder tausende Kleinstartikel in mehreren Regalen ! Das triggert mich genauso als wenn ich mir durch die Medien zu viel rein ziehe !?

            Psychotiker meiner Meinung nach haben einfach einen offeneren Filter als Normalbürger und da kann Reizüberflutung überall entstehen !?

            • Diese Antwort wurde geändert vor 2 Monate, 2 Wochen von Ludwig.
            #240637

            Meiner Meinung nach liegt die Ursache bei allen psychischen Leiden durch Störungen von außen, die sich auf eine stabile Entwicklung des Ego negativ  auswirken. Kein stabiles Ich – weniger Selbstwertgefühl usw. Die Störungen sind so vielfältig wie die Dicke des DSM5.

             

            edit: als Erwachsener hätte man dann die Aufgabe es aufzulösen

            • Diese Antwort wurde geändert vor 2 Monate, 2 Wochen von ekkipatang.
            #240640

            Ich glaube sowieso nicht an eine genetische Ursache der Erkrankung. Für mein Verständnis hat unsere Erkrankung ihren Anfang in der Kindheit in der Ursprungsfamilie. Daß dort etwas schiefgelaufen ist, z. B. durch traumatische Erlebnisse.

            • Diese Antwort wurde geändert vor 2 Monate, 2 Wochen von Kater.
            #240643

            Da man „jeden Menschen“ mit den richtigen Mitteln (LSD etc.) psychotisch machen, erscheint für mich eine angeborene Vulnerabilität schon Sinn zu ergeben !? D.h. unser Stresslevel liegt von Vorne herein niedriger, dass eben ohne zusätzliche Mittel eine Psychose entsteht. Ob eine Psychose vor einer noch schlimmeren Erkrankung (z. Bsp.: multiple Persönlichkeit) schützt überlege ich bereits des Längeren ?

            • Diese Antwort wurde geändert vor 2 Monate, 2 Wochen von Ludwig.
            #240667

            Super!!!! Vielen Dank. Ich weiß das die Zahlen und Ursachen schon seit Jahren schwanken.

            Soziale Frustration bedeutet beispielsweise, dass zwischen dem gewünschten und dem wahrgenommenen sozialen Status ein großer Unterschied besteht.

            Der Satz trifft mich persönlich gerade sehr […]

            Das hat mich auch zum Nachdenken gebracht. Daher sind für mich Vergleiche und Ergebnisse, sowie ehrliches Feedback wichtig, um mich selbst realistisch einschätzen zu können.

            […] Psychosen treten global in jeder Gesellschaft zu ca. 1% auf, dass kann nicht mit einem „informellen Kastensysthem“ zusammen hängen !? Ist doch „faszinierend“ dass wir eine Erkrankung haben die sich keiner erklären kann, dass macht das ganze etwas mystisch !?

            Finde ich auch spannend. Angenommen es liegt an den Genen, dann müsste doch auch da bestimmt eine Häufung in irgendeiner Gesellschaft aufgrund des Genpools auftreten?

            Angenommen es liegt nicht an den Genen, sondern an der gesellschaftlichen Struktur, dann aber doch ebenso?

            Schon merkwürdig.


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