Faulheit, oder?

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  • #190304

    Liebe @Mowa, vielen Dank für deine ausführliche und informative Antwort!

    Erst mal muss ich korrigieren: ich habe nach 3 Jahren schwerer Depression nach der Diagnose die Medis angefangen, abzusetzen. Das war ja eine Mehrfachmedikation . Ich habe mit dem AD angefangen und mit dem letzten NL geendet. Das war damals Zeldox. Damit war ich nach 4 Jahren fertig, also 7 Jahre nach der Diagnosestellung. Heute würde ich das sicher schneller durchziehen aber momentan bin ich ohnehin auf einer sehr niedrigen Dosis. Und das ist gleich die Antwort auf die Frage auch von @gargel: ich nehme aktuell 1mg Fluanxol und 37,5mg Venlafaxin. Mit beiden liege ich unter der Minimaldosis, bei Fluanxol wären das 3mg, bei Venla 75mg. Ich verstoffwechsle offenbar sehr effektiv, denn ich bin sogar sehr lange mit 0,5mg Fluanxol hingekommen, nur momentan kippelt es wieder ein bisschen. Es ist aber wirklich und wahrhaftig sehr wenig oder, wie meine Psychiaterin es immer ausdrückt: eine homöopathische Dosis.

    Meine Psychotherapeutin sagt übrigens, dass es bei Schizophrenie, was ja eine neurobiologische Komponente hat, quasi unmöglich ist, ohne Medis stabil zu bleiben. Dass ich es eben NICHT kontrollieren könne mit besserem Stressmanagement o.ä. (weil ich das halt immer denke und versuche).

    Was eine Rezeptorbelegungskurve ist, weiß ich nicht, @gargel. Habe ich noch keine gesehen. Laut Psychiaterin bekommt man die richtige Dosis übers Probieren, bzw. muss man ja eh immer balancieren.

    Heute zum Beispiel habe ich relativ viel geschafft, wir haben an meiner Modelleisenbahnplatte gebaut und einen neue Lampe aufgehangen, ich habe Gulasch gekocht, Blumen gegossen, gesaugt… Mir hilft es offenbar, wenn jemand da ist, der mich ein bissl mitzieht. Umgekehrt ist es ja genau dieser Anspruch von außen, dem ich oft nicht gerecht werden kann, was mich dann so frustriert.

    Früher war ich unheimlich aktiv und energetisch, hab ja auch studiert und mich da richtig reingehangen. Wenn ich daran denke, wird mir ganz wimmerlich. Das hätte ich gern nochmal wieder. Aber natürlich ist es Quatsch, da Vergleiche zu ziehen. Ich würde mich nur gern einfach noch mehr engagieren, sozial und gesellschaftlich. Und das pack ich halt nimmer.

     

    • This reply was modified 3 Jahre, 4 Monate ago by Angora.
    #190357

    Guten Morgen zusammen,

    Danke für die nähere Erläuterung Deiner persönlichen Geschichte Angora. 4 Jahre benötigen bestimmt auch sehr viel Geduld und Ausdauer.

    eine homöopathische Dosis

    Das sagt auch meine betreuende Sozialpädagogin vom Netzwerk für psychische Gesundheit über meine Aripiprazol-Dosis, die seit 6 Wochen bei 0,5 mg liegt (und davor fast 2 Jahre lang bei 1 mg).

    Für mich ist diese Bezeichnung OK, wobei ich mich wundere, wie die Niedrigstdosen so oft und schnell als “homöopathisch” gelten, obwohl sie bislang nicht systematisch wissenschaftlich untertsucht wurden :unsure:

    Meine Psychotherapeutin sagt übrigens, dass es bei Schizophrenie, was ja eine neurobiologische Komponente hat, quasi unmöglich ist, ohne Medis stabil zu bleiben.

    Klar, ich kann es zur Kenntnis nehmen, dass das der Erfahrungs- und Wissensstand Deiner Psychotherapeutin sein wird, und doch glaube ich nicht, dass diese “neurobiologische Komponente” wissenschaftlich so gut verstanden ist, dass ein Urteil darüber gefällt werden kann, wie möglich oder unmöglich es ist, dass Schizophrenie-Betroffene ohne Medikamente bzw. mit Niedrigstdosen stabil bleiben können.

    Mein persönlicher Erfahrungsstand ist eben der, dass ich sehr wohl mit nichtmedikamentösen Therapien und mit Selbstfürsorge die Medikamentendosis soweit reduzieren kann, so dass mich das Aripiprazol beim Denken und Fühlen nicht blockiert.

    Bei meinem letzten Rückfall im April/Mai 2019 haben mir die Kliniksärzte geraten, mir über die Bestellung eines gerichtlichen Betreuers nachzudenken und Depot-Spritze in antipsychotischer Dosis zu nehmen. Das wäre für mich wie eine medikamentöse Zwangsjacke gewesen, und ich hätte nichts von dem, wie ich seitdem gelebt und was ich erlebt – gefühlt und gedacht – habe, mitbekommen können :-(

    Diese Denk- und Behandlungsweise nach Schema F gehört heutzutage abgeschafft, davon bin ich überzeugt!

    Es gibt ja auch den “Offenen Dialog”, wobei Neuroleptika nur in Ausnahmefällen und vorübergehend eingesetzt wurden, zumindest im ursprünglichen finnischen Format.

    Mein Mann ist selbst Betroffener und lebt im 12. Jahr medikamentenfrei. Ihm wurde auch bei seinen Klinikaufenthalten gesagt, dass er sein Leben lang NLs nehmen muss, in antipsychotischer Dosis, versteht sich.

    Und ganz genau, Neuroleptika und sonstige Psychopharmaka wirken individuell, Lebensumstände sind individuell und der Umgang damit ist auch individuell. Das alles kann sich im Laufe des Lebens auch sehr stark ändern.

    Daher kann ich jede/n Betroffene/n nur ermutigen, für sich einen Mittelweg zu finden.

    LG,
    Mowa

    #190362

    Moin und vielen Dank für deine Antwort sowie den spannenden Link, @Mowa. Ich habe mir das gerade durchgelesen und werde das bei meiner Psychologin ansprechen bzw. ihr vielleicht sogar den Link schicken. Um ihr eine Lanze zu brechen: sie sagt selbst, dass wir vielleicht in ein paar Jahren ganz anders über Erkrankungen wie Schizophrenie denken werden aber momentan können wir nur das tun, was eben gerade zur Verfügung steht. Leider sind Projekte wie der Offene Dialog viel zu wenig verbreitet, als dass jeder in diesen Genuss kommen könnte. Bis sich das ändert, muss ich mit meiner “homöopathischen Dosis” klarkommen. Ich hatte zwischendurch übrigens auch alternative Mittelchen probiert von einer Heilpraktikerin – war leider nicht der Bringer. CBD auch nicht. Es gibt noch viel zu erwarten.

    Offenbar bist du ja sehr informiert und reflektiert, liebe Mowa. Das tut gut in einem Forum wie diesem.

     

     

    • This reply was modified 3 Jahre, 4 Monate ago by Angora.
    #190455

    Guten Morgen Angora,

    vielen Dank, dass Du meine länglichen Posts so aufmerksam gelesen hast.

    Zumindest bin ich in dem Sinne gut informiert und reflektiert, dass ich durch meine eigenen Erfahrungen und das Hörensagen in der “Community” eine persönliche Perspektive entwickele, so wie Du ja auch und die anderen Teilnehmer*innen im Forum ;-)

    Um ihr eine Lanze zu brechen: sie sagt selbst, dass wir vielleicht in ein paar Jahren ganz anders über Erkrankungen wie Schizophrenie denken werden aber momentan können wir nur das tun, was eben gerade zur Verfügung steht.

    Ich habe Verständnis dafür, was Deine Psychotherapeutin sagt. Wir alle machen das Beste aus unseren jeweiligen Situationen.

    Und falls es tatsächlich so geschehen sollte, dass sich im Laufe der kommenden 10, 20 und mehr Jahren die durchschnittliche Meinung über Schizophrenie ändert, hoffentlich positiv, dann wird es v.a. daran gelegen haben, dass wir uns als Betroffene für unsere eigenen Angelegenheiten eingesetzt haben.

    Durch die Zusammenarbeit mit Nichtbetroffenen erfahre ich auch mehrfach, wie wichtig es ist, dass sich die Betroffenen selbst aktiv zu Wort melden und in Entscheidungsprozessen eingebunden werden.

    Sicher ist es nicht so, dass Betroffene bessere Menschen sind, nur haben unser Bewusstsein und Verständnis ein ganz anderes Ausmaß als bei Menschen, die die psychischen Beeinträchtigungen noch nie selbst durchleben mussten.

    Daher geht es mir persönlich bei Inklusion auch nicht darum, dass wir als Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in der Gesellschaft geduldet werden, im Gegenteil.

    Inklusion sollte ein Grundbedürfnis für jede Gesellschaft sein, weil Betroffene mit ihren oft extremen Lebenserfahrungen an der Front dazu beitragen können, dass Menschen freundlicher und als Gemeinschaft miteinander leben lernen.

    Ich finde, dass wir als Betroffene (so wie wir es können) uns wehren sollten, uns aus den Gemeinschaften als nur stressanfällig und von gemindertem Geldwert ausrangieren zu lassen.

    LG,
    Mowa

    • This reply was modified 3 Jahre, 3 Monate ago by Mowa.
    #190462

    Du klingst optimistisch, @Mowa, Hut ab! Ich habe in den letzten Jahren auch viele SHGs durchlaufen, bin Mitglied in der PSAG und denke, dass ich zu den engagierten Betroffenen gehöre. Dennoch sehe ich das Ganze etwas düsterer – ich denke, dass sich in den letzten Jahrhunderten nicht wesentlich viel geändert hat in der heimlichen “Bewertung” psychisch Kranker und das sich auch nicht groß ändern wird. Wir sind einfach die gelben Wellensittiche unterm grauen Stadtgeflügel – vor allem zum Hacken gut.

    #192247

    Ja also um mal aufs Ausgangsthema Müdigkeit beziehungsweise Faulheit zurückzukommen – ich verspüre diese Müdigkeit in den letzten Tagen sehr extrem. Es ist wirklich schwer, die ganze Zeit gegen etwas angehen zu müssen, dass einen die ganze Zeit diese Scheißmüdigkeit so runterzieht. Bei mir ist es noch nicht so extrem wie etwa bei @Bartholomew mit den ganzen Tag im Bett liegen, aber es kommt dem momentan schon sehr nahe. Ich leide wirklich drunter. Hier gibt es sicher viele, die das kennen, aber wie findet man den richtigen Umgang damit? Was ist ein richtiger Umgang? Geduld? Sich ein guter Freund sein?

    • This reply was modified 3 Jahre, 3 Monate ago by Meeri.
    #192252
    Isa

      Lieber @Meeri leider kann ich dir nichts zu der Müdigkeit sagen, hatte das selten, bin eher aufgekratzt. Aber ich wünsche dir Gute Besserung und dass du jemanden findest, der dir da raus helfen kann.

      Liebe Grüße, Isa

      #192256

      Hallo @Meeri!

      Ich weiß, wie anstrengend das ist, aber wenn man nicht dagegen ankämpft, wird es immer schlimmer.

      Und vielleicht mal den Arzt fragen, ob man etwas reduzieren kann. .


      -400 mg + 200 mg Amisulprid, 25 mg Proneurin als Bedarf, 6 mg Doxazosin, 25 mg HCT und 5 mg Ramipril morgens, Abends 5 mg Ramipril
      -Zusätzlich alle zwei Tage eine Kaliumbrausetablette
      -Ab und zu A-Z Vitamine und Mineralstoffe ab 50
      -Zu fettreichen Mahlzeiten 2 Tbl. Formoline112

      #192261

      Ich bin im Winter auch ohne Medikamente meist faul, war schon immer so.
      Das wird unter anderem daran liegen, das ich die Kälte hasse. Wenn es dann noch nass und grau ist (so wie heute), dann könnte ich den ganzen Tag schlafen.
      Das ich kaum wirklich “wichtige” Dinge zu erledigen habe, trägt auch seinen Teil dazu bei.

      Irgendwann habe ich mal beschlossen, in meinem nächsten Leben Bär zu werden. Die halten doch Winterschlaf und wachen erst wieder auf, wenn der Winter vorbei ist ;-)

      #192307

      Hallo @Meeri, zu deiner Frage: Ich versuche, mich nicht für meine vermeintliche “Faulheit” zu verurteilen. Viel wichtiger ist für mich eigentlich, dass ich momentan keine Ängste und keine düsteren Gedanken habe. Im Grunde geht es mir bis auf die Müdigkeit sehr gut. Ich fühle mich manchmal wie ein Baby, das ganz sorgenfrei ist und nur ein erhöhtes Schlafbedürfnis hat. Das ist wunderbar, gemessen an dem, was ich psychisch hinter mir habe. Ich glaube, das könnte man bezeichnen als “sich selbst ein guter Freund sein”, oder?

      #192311

      Heute war ich auch nur am Schlafen. Immerhin habe ich es hinbekommen, ein Rezept beim Hausarzt zu holen und Lebensmittel für die Feiertage. Fürs Putzen hat es nicht mehr gereicht. Immerhin habe ich vor ein paar Tagen ein wenig aufgeräumt. Seit ich Clozapin nehme ist das mit dem Schlafen und Faulsein auch bei mir schlimmer geworden.

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